Dienstag, 11. März 2008

Allgegenwärtig: Schuhputzer. Häufig auch kleine Jungen von fünf, sechs Jahren...


Straße der Schmiede




Die überdachten Marktstraßen Aleppos ist nicht nur berühmt, sondern auch alt, eng und menschenüberfüllt - und dabei ist noch nicht mal Touristensaison.

Sonntag, 9. März 2008

statt langer worte gibt's mal wieder nur ne bildergeschichte aus der vergangenen woche. falls weitere posts nicht folgen, liegt das an schwierigkeiten beim hochladen, nicht an apathie :)



Hotel mit dem Prädikat "extrem weiterempfehlenswert" - sehr nett eingerichtet, superfreundliches personal, alles blitzeblank sauber, Preise kaum zu schlagen





Samstag, 8. März 2008

Endlich, endlich. Nach vier schnellen Jahren. Es ist soweit.

Morgen um zwei steige ich in den Bus und gute sieben Stunden später seh ich meinen Vater wieder. Der alte Fuchs ist in Madama Olgas Hotel abgestiegen, das auch der lonely planet wärmstens empfiehlt.

Telefonieren war schwierig wie immer. Hört er nicht zu oder versteht er Deutsch tatsächlich so schlecht? Arabisch probier ich am Telefon lieber nicht, denn ich hab mittlerweile einige Erfahrungen mit irakischem Dialekt. Und der hat echt wenig mit dem Arabisch zu tun, das man gemeinhin in Sprachkursen lernt.

Bin aufgeregt. Freu mich. Fürcht mich.

Keine Ahnung, was er eigentlich in Syrien macht. Keine Ahnung, wie lange er bleiben kann. Keine Ahnung, was wir tun werden. Das einzige, was ich weiß: Wir sehen uns wieder.

Wetterreport: Mitternacht, 16,7 Grad in meiner Wohnung, draußen ein paar Grad mehr.

Das Leben ist schön :) الحياة جميلة

Montag, 3. März 2008

Zweimal bin ich heute an Stellen aus dem Bus komplimentiert worden, an die ich eigentlich gar nicht wollte. Der Hinweg klappte problemlos. Rein in den Bus, raus aus dem Bus, ein paar Schritte laufen, die Buchstaben طفيلة (Tafila) an der Front des nächsten weißen Minibus entziffern, denken „Das wär er gewesen“ und dann flink hinterherlaufen, weil der Fahrer meinen Gesichtsausdruck lesen konnte.

Auf dem Rückweg dann kurz vor Kerak eine Diskussion unter den Fahrgästen, weil der Busfahrer wissen will, wo sie aussteigen wollen. Ich sagte مجمع عمان mudschama Amman, was so viel heißt wie Sammelstelle für Busse nach Amman, weil ich dort in den Bus zu meinem Hotel umsteigen wollte. Ausgestiegen bin ich dann nach ausdrücklicher Aufforderung an der جامعة dschamia, auch bekannt als Universität. Dass meine Aussprache derart erbärmlich ist, glaube ich allerdings nicht. Eher dass der Busfahrer dachte, ich wollte tatsächlich nach Amman. Denn direkt vor der Uni fahren auch Busse nach Amman los. Erst dachte ich noch, dass ich vielleicht von einer anderen Richtung käme als bei der Abfahrt, spazierte munter drauf los und machte ein Päuschen bei Burger und Pommes in einem überlauten, mit jungem Gemüse gefüllten Imbiss. Als ich danach aber vor dem Universitätstor stand, wurde endgültig klar, dass ich hier falsch war.

Ein bisschen rutschte mir das Herz in die Hose, denn die Haltestelle war übervoll mit Studenten und noch in Tafila wär ich beim Aussteigen fast von hektisch Einsteigenden überrannt worden. Ellenbogen beim Einsteigen mag ich ja so gar nicht. In Amman wär ich wohl in ein Taxi gesprungen, aber die sind in Kerak extrem spärlich gesät. Also warten und siehe da, nur einige Minuten später kam der Bus in die Stadt. Und der Andrang hielt sich ebenfalls in Grenzen.

Wieder sagte ich mudschama, wieder wurde ich nicht an der erwarteten Stelle gebeten, doch auszusteigen, weil hier der letzte Halt sei. Doch diesmal war ich auf bekanntem Gebiet, war dort schon gestern vorbei gefahren und wusste, dass ich einfach nur der Straße folgen musste, um zur gewünschten Haltestelle zu kommen.

Im Bus dann ein alter Mann mit Rauschebart und seine blauäugige, völlig verhüllte Frau. Er spricht mich an. Es stellt sich heraus, dass sie Amerikanerin ist, mit ihm verheiratet seit drei Jahren in einem Dorf bei Kerak lebt. Bis heute spricht sie kaum Arabisch, weil ihre Bekannten ihr Englisch mit ihr pflegen. Ihr Kommentar zu meiner Recherche: „Ich glaube, die Frauen haben es hier besser als in Amerika, denn hier müssen sie nicht arbeiten um zu überleben.“

Am Abend dann ein Anruf von meiner gestrigen Interviewpartnerin. Wie es mir geht, will sie wissen. Und bringt mich dann zum Lachen mit „Ich will Dich verheiraten, hier in Rakin.“ Dabei hab ich doch versichert, nicht kochen zu können.

Sonntag, 2. März 2008

Heute habe ich mal ausprobiert, was passiert, wenn ich verrate, dass ich keiner Religion angehöre. In jedem Reiseführer steht, man solle das tunlichst lassen und ich habe mich bisher auch daran gehalten. Seit heute weiß ich nun, dass das eine der Regeln ist, an die man sich tatsächlich halten sollte.

Ich bin in Kerak, habe am Nachmittag eine Fraueninitiative in einem nahen Dorf besucht, bin danach in einem Hotel abgestiegen. Zum Abendessen geriet ich in eine französische Reisegruppe und mein Kopf in völlige Verwirrung, Babel at it’s best. Statt der in meinem Hinterkopf schlummernden Französischbrocken kam nur Arabisch heraus: Je suis min allemande. Ah ja! Wir einigten uns dann auf Englisch.

Zum Rauchen trug ich meinen Tee in die Lobby, traf auf den Reiseführer und einen der Hotelangestellten und übte noch ein wenig Arabisch. Der eine zeigte mir ein Bild seiner drei Kinder, der andere erzählte von seinen Aufenthalten in Frankreich und Deutschland, ich von Amman, meinem Vater und dass es bald wieder nach Deutschland geht. So weit, so lustig. Dann kam die unvermeidliche Frage. Schon in Bezug auf meinen Singlestatus hatte ich diesmal nicht gelogen, auch auf die Gretchenfrage antwortete ich mit der Wahrheit – keine Ahnung, warum eigentlich.

Die Stimmung kühlte mit einem Mal merklich ab. Der ältere von beiden bekam einen ganz traurigen Gesichtsausdruck, dem jüngeren musste ich versprechen, dass ich mir den Islam noch mal gründlich durch den Kopf gehen lasse. Die dazukommenden anderen Angestellten wurden sofort über meine Unreligiosität aufgeklärt und konnten es nicht fassen. Stauen und Unverständnis auf allen Gesichtern. Wer denn die Erde und den Himmel gemacht habe? Und woher ich denn komme? Für solche Diskussionen ist mein Englisch gerade gut genug und manchmal reicht selbst mein Deutsch dafür nicht aus. Auf Arabisch machte es gar keinen Sinn und so beschränkte ich mich auf ein „Ich weiß es nicht“ und verzog mich nach weiteren höflichen fünf Minuten in mein Zimmer.

Arabischstunde: Muslim - مسلم, Christ – مسيحى(masiihi), Jude – يهودى (jahudi), Religion – دين (diin), verboten – منع (mamnua), religiös verboten / sündig – حرام (haraam)

Mittwoch, 27. Februar 2008

Nachdem ich gerade mal wieder fast drei Stunden mit Wäsche waschen verbracht habe und nicht mal davon überzeugt bin, dass meine guten Stücke tatsächlich so sauber sind, wie ich sie gerne hätte, will ich mal eben meine fünf Cent zur hiesigen Waschmaschinenkultur beitragen.

Weil mein Appartement keine Waschmaschine hat – hab ich irgendwie übersehen, als ich die Wohnung gemietet habe, wird mir aber auch nicht mehr passieren – habe ich einen guten Überblick über die gängigen Formate. Trommelmaschinen, also die gängige Form des Wäsche waschenden Haushaltshelfers in D, gibt es hier durchaus zu kaufen und ich stand auch schon in verschiedenen Haushalten begeistert davor. Doch die Einheimischen mögen sie nicht so gern: Sie verbrauchten zu viel Wasser. Die Wäsche komme nicht richtig sauber heraus. Sie sind teurer im Kaufpreis.

Das mit dem Wasser kann ich schwer beurteilen, denn wie viel meine Maschine in der Heimat tatsächlich benutzte, habe ich nie gemessen. Was die Sauberkeit von Kleidung und Co. nach dem Waschgang angeht, kann ich jedoch das genaue Gegenteil vom hierzulande bevorzugten Waschautomaten behaupten. Leila war in Paris, Familie besuchen und Wäsche waschen: „Eigentlich will man das gar nicht wissen, aber man spürt sofort den Unterschied.“ Glaub ich unbesehen, denn dass zum Beispiel weiße Socken selbst mit Vorwaschspray nicht sauber werden, hab ich auch schon festgestellt.

Und was heißt schon Waschautomat? Das gängige Modell besteht aus zwei Kammern, eine zum Waschen, eine zum Schleudern. Einen festen Anschluss an das Wassersystem haben die Maschinen nicht – je nach Ausstattung der Wohnung wird das Wasser per Eimer manuell eingefüllt oder der Duschkopf in die Maschine gehängt, wahlweise auch ein Schlauch vom Wasserhahn. Legt man Wert auf warmes Wasser, erhitzt man es entweder auf dem Herd oder im Warmwasserboiler, denn die Maschinen haben keine Heizung. Dann den Timer auf fünfzehn Minuten stellen und sich eine andere Beschäftigung suchen, während ein Rotor im Maschinenboden Wäsche und Wasser abwechselnd nach links und rechts dreht. Leider zerschreddert er dabei manche Sachen und verteilt die Fusseln großzügig über die restliche Wäsche.

Am fehlenden Rotorengeräusch merkt man, dass man nun auf „Drain“ stellen darf – vorher den Schlauch zum Abflussloch im Boden bugsieren, je nach Wohnung muss dabei die gesamte Maschine verrückt werden – um das Schmutzwasser aus der Maschine zu lassen. Dabei sollte man den Abwasserschlauch im Auge behalten, will man nicht den gesamten Boden unter Wassers setzen, denn der Wasserdruck verändert sich und damit auch der Winkel, in dem das Wasser aus dem Schlauch ins Abflussloch läuft. Ist die Maschine leer, kommt ne neue Ladung Wasser zum Spülen rein und nach weiteren fünfzehn Minuten wieder raus. Fast fertig. Jetzt noch die Wäsche in die Schleuderkammer umladen. Allerdings in mindestens zwei Portionen, denn sonst ist die Schleuder zu voll, ruckelt die ganze Maschine wild durch die Gegend und macht herzzerreißende Geräusche, die auf einen nahen Tod durch Explosion deuten. Fünf Minuten schleudern, die Wäsche ist danach fast trocken und dann ab auf Trockenständer oder Leine.

Nix also mit mal eben die Maschine voll laden und ne gute Stunde später wiederkommen, um die automatisch gewaschene und geschleuderte Wäsche auf die Leine zu fädeln. Hier ist andauernd Aufmerksamkeit gefragt.

Zudem passen in die Maschinen in der Regel deutlich weniger Sachen rein. Ob mit mehr Waschgängen tatsächlich Wasser gespart werden kann, will ich dann auch noch anzweifeln.

achja, die Arabischstunde: Wasser heißt ماء (mai) und waschen غسل (rhasil).

Montag, 25. Februar 2008

Ein Freund eines Freundes hat einen Film gedreht, „Meine Stadt“, مدينتي. Er spricht darin von der Unsitte, Frauen im so genannten gefährlichen Alter, zwischen 12 und 30, nicht aus dem Haus zu lassen bis sie verheiratet sind. Danach dürfen sie in einer der nahen Textilfabriken arbeiten, so der Tenor des Dokumentarfilms. Die Stadt heißt Um Quais, im Norden Jordaniens gelegen, gegenüber der Golanhöhen, an den Grenzen zu Syrien und Israel.

Der Bus aus Irbid muss an einem Militärposten halten, die Pässe der Männer werden kontrolliert. Die Frauen müssen sich nicht rühren, nicht mal ich Ausländerin, gut zu erkennen am fehlenden Kopftuch.

Meine Verabredung mit einer der Frauen aus dem Film verzögert sich, sie hat Migräne, muss ihre anderthalbjährige Tochter betreuen. Ich laufe durch die römischen Ruinen, um mir die Zeit zu vertreiben. Alles grünt, zwischen den alten Steinen blüht es gelb und orange, weiß und lila. Vor dem Knatschrot des Mohns kapituliert die Kamera, nicht zum ersten Mal. Die Luft ist so klar, dass mir zum ersten Mal wieder bewusst wird, wie viele Abgase ich in Amman täglich einatme. Ich treffe nur vereinzelt Touristen, höre oft kaum mehr als das Summen der Bienen. Der Ausblick auf die Berge, den See Genezareth, den Yarmouk ist von Wolken getrübt und dennoch berauschend.

Andalib hat einen Freund zur Diskussion eingeladen. Wir sitzen im Romero Resthouse, gebaut aus den typischen weißen und schwarzen Steinen, wunderschön hergerichtet mit Fotos der Ruinen, Pflanzen und großen Fenstern. Eine rot-grau-getigerte Katze bettelt mit hoher Stimme, zwischen den Steinen sammelt eine alte Frau einen Sack voll Gras, ein Mädchen schlendert in grüner Schuluniform nach Hause.

Andalib ist die einzige Frau des Dorfes, die offiziell in den Ruinen arbeitet. Die studierte Anthroposophin bedient im Restaurant und hilft im daneben gelegenen Lädchen, das Handwerkskunst verkauft – für 4 Dinar pro Tag. Ibrahim hat Tourismusmanagement studiert, doch bezahlte Arbeit gibt es in Um Quais für ihn nicht. Er arbeite hin und wieder ehrenamtlich für Projekte in den Ruinen, hält sich sonst mit der Ernte seiner Olivenbäume über Wasser. In der zuweilen hitzigen Diskussion höre ich zum ersten, aber nicht zum letzten Mal: Der Film hat nichts mit der Realität zu tun.

Die beiden streiten sich vor allem über die Rolle des Islam. Andalib würde ihre Religion am liebsten ins Privatleben und aus allen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verbannen. Für Ibrahim ist der Islam die Grundessenz seines Lebens, ein Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung nur in diesem Rahmen vorstellbar. Immer wieder ziehen sie Vergleiche, weil doch nirgends auf der Welt die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern realisiert sei. Ich kann kaum widersprechen.

Ich darf nicht für mein Essen zahlen, auch die Übernachtung in der pompös eingerichteten Wohnung soll kostenlos sein. Wie ich mich dafür revanchieren soll, ist mir noch schleierhaft.

Am Abend besuche ich drei Familien im Ort. Am Straßenrand sitzen ein paar Jungs und rauchen Wasserpfeife, Autos fahren nur im Minutenabstand. Youssif sammelt mich in der Ortsmitte auf.

Schon bei der ersten Zigarette will er wissen, ob es schwer sei, eine Einladung nach Deutschland zu bekommen. Später schaut er mir statt ins Gesicht in der Ausschnitt, tätschelt meinen Kopf, als ich ihm viel Glück bei der Suche nach einer ausländischen Ehefrau wünsche. Ich kann gar nicht böse darüber sein, würde ähnliches wahrscheinlich auch versuchen.

Seine Schwestern haben Besuch. Mit Kaffee, Orangen und Gebäck sitzen acht Frauen auf den Polstern am Boden, die Beine in Decken gewickelt, in der Mitte des Raums brennt ein Gasheizer. Einen Job finden, nennen mir die Jungen als Hauptproblem, direkt gefolgt von der Suche nach dem passenden Ehemann. „Dabei dürfen wir nie den ersten Schritt machen“, klagen sie, „denn dann machen wir einen schlechten Eindruck und die Männer heiraten uns nicht.“ Die Stewardess hat die Hoffnung auf eine Ehe schon aufgegeben, ihr Beruf gilt vielen als unmoralisch, weil sie auch mit Männern zusammenarbeiten muss. Eine der zwei Lehrerinnen ist trotz sechs Jahren Ehe kinderlos, Fragenden erzählt sie mittlerweile nicht mehr, dass es eine bewusste Entscheidung zugunsten ihrer Arbeit sei, sondern dass das Paar medizinische Probleme habe. Die Alten schütteln den Kopf „Wir sind glücklich, wir haben Kinder, wir haben Enkelkinder, wir müssen nicht mehr so viel arbeiten.“

Im nächsten Raum sitzen vor allem alte Frauen in der Runde. Sie haben nie außerhalb des Hauses gearbeitet, wollten das auch nie, denn die bis zu zehn Kinder füllten ihren Tag ausreichend aus. Ein Baby liegt in Decken gewickelt auf den Polstern, ein knapp Vierjähriger drückt sich zwischen Mutter und übersetzendem Onkel hin und her. Die einzige Tochter des Hauses hat nach dem Studium sechs Monate gearbeitet, ist seitdem nur noch Mutter. Noch mehr Kinder will sie nicht, hofft stattdessen auf einen Job. Die Alten nicken zustimmend, loben die Familienplanung. Mir scheint die Gelegenheit recht, nach Ehrenmorden zu fragen. Die Alten wollen nicht, doch mein Arabisch ist mittlerweile so weit, dass ich auch ohne Übersetzung verstehe, dass sie von einem Fall wissen. Ich insistiere. „Das war aber nicht hier, das war in Zarqa“, werde ich abgewehrt, bevor mir versichert wird, dass sie eine Heirat die bessere Lösung bei den seltenen Fällen von unehelichem Geschlechtsverkehr sei. „Wir sind ein kleines Dorf, hier kennt jeder jeden, da passiert nichts im Geheimen.“

Der dritte Raum, drei junge Frauen, zwei gerade mit dem Studium fertig, eine noch mittendrin. Sie albern herum, foppen ihren älteren Bruder, betrachten sich als gleichberechtigt. „Natürlich will ich arbeiten, auch wenn ich verheiratet bin. Ich habe doch studiert, um zu arbeiten.“ In einer Wohnung alleine zu wohnen, macht allerdings allen dreien Angst, auch wenn sie nicht genau sagen können, wovor sie sich eigentlich fürchten. Gut, sie dürften nicht alleine ins Ausland fahren, aber sonst sei doch alles wie bei den Jungs, sie könnten das Haus allein verlassen, Partys feiern, studieren. Eine halbe Stunde vorher hat die Mutter des Hauses ins gleiche Horn geblasen. „Sie müssen nur sagen, wohin sie gehen. Wegen der Sicherheit.“

Die alte Tradition der „Scham“ scheint tatsächlich zu brechen. Gleichberechtigung habe ich nicht gesehen.

Freitag, 15. Februar 2008

Heute Morgen hat die Erde gebebt. Eine gefühlte Minute lang wackelte plötzlich das gesamte Haus, ich im Bett mit dem Laptop auf den Knien natürlich mit. Nichts ging zu Bruch, nichts fiel herunter – obwohl all meine Ablagen wie immer übervoll sind. Ich wollte erst an einen vorüber fahrenden LKW glauben, aber das wäre ja dann eine Sache von wenigen Sekunden gewesen, Motorengeräusch inklusive. Zudem passen so große LKW nicht durch die Straßen der Nachbarschaft. Weiterer Beleg für das Erdbeben: Mein Herz raste danach. Was für ein irres Gefühl! Mein erstes und bis heute einziges Erdbeben hatte ich als 15-jährige ja stumpf verschlafen. Auf mehr Werte auf der Richterskala als heute kann ich allerdings getrost verzichten.

Gestern hab ich mit nem (Fernseh-)Journalistenkollegen Milchshakes und Wein getrunken, während draußen ein Regenschauer den nächsten jagte, und mich über Prostitution in Jordanien unterhalten. Morgen geht’s ins erzkonservative Zarqa zu einer selbstverwalteten Fraueninitiative. Sonntag erfahre ich mehr über Landarbeiterinnen. Montag treff ich mich mit der Vorsitzenden einer überregionalen Fraueninitiative. Dienstag mit einer Direktorin des Umweltministeriums. Mittwoch besuche ich einen Kindergarten. Mehr oder minder volles Programm also. Allerdings brauche ich dringend noch mehr Kontakte außerhalb Ammans.

Gerade kocht das Nudelwasser und später feiert ein etwas schräger Brite seinen Geburtstag, der allerdings erst in gut sieben Tagen sein wird, gemäß dem Motto: Wenn die Feste nicht fallen, dann muss man halt feiern.

Nächste Woche soll’s hier wieder schneien. Wie war das mit dem Auswandern wegen der Temperaturen? Hierhin dann wohl eher doch nicht. Obwohl die letzten Tage mit 10 Grad Durchschnittstemperaturen (also deutlich wärmer in der Sonne...) schon ganz angenehm waren.

Dienstag, 12. Februar 2008

Nachdem ich mich ja nun schon länger nicht mehr gemeldet habe und so möglicherweise gar Spekulationen verursacht habe á la „isse entführt und nich zurückgegeben worden“, muss ich mich mal wieder melden. Und sei es nur um zu sagen, dass ich noch lebendig bin.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich mich mehrmals auf Glatteis begeben müssen und einmal dabei sogar mit einem Sturz gezahlt, nachdem ganz Amman für zwei Tage von einem Schneesturm lahm gelegt wurde. Der letzte Schnee ist erst vor ein paar Tagen gänzlich verschwunden und es wird endlich wieder ein wenig wärmer, so dass mich meine Wohnung nicht mehr mit mickrigen 7 Grad begrüßt, wenn ich mich aus dem Bett schäle oder nach Hause komme. Immerhin blieb mir das Schicksal eines meiner amerikanischen Kommilitonen erspart, der sich das Bein wegen des spiegelglatten Schnees brach und zu allem Überfluss nicht einmal sofort operiert werden konnte, weil sein Alkoholpegel zu hoch war.




Meine Zeit bei der Jordan Times ist vorbei und ich kann nicht sagen, dass ich etwas dazu gelernt hätte, außer dass ich die Organisationsstrukturen deutscher Medien mit Redaktionskonferenzen und Themenabsprachen heute deutlicher zu schätzen weiß.

Meine Recherche zur Situation der Frauen in Jordanien entwickelt sich dagegen gut, auch wenn ich immer wieder an die Grenzen meiner Arabischkenntnisse stoße und hin und wieder meine Geduld von vergesslichen Interviewpartnern auf die Probe gestellt wird. Dem ersten Problem bin ich in Deutschland nie begegnet, dem zweiten durchaus.

Die meisten meiner Kurskollegen sind unterdessen in ihre Heimatländer zurückgekehrt, einige wackere halten weiter hier aus, andere sind nach Syrien übergesiedelt. Ich hoffe noch, nach Ägypten zu fahren bevor ich zurückkomme, aber zuvor habe ich noch Frauenorganisationen zu besuchen, Karrierefrauen zu treffen, Kindergärten zu besichtigen und Lehrpersonal zu interviewen. Und das alles auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: „Warum gilt Jordanien eigentlich als so fortschrittlich in Sachen Gleichberechtigung, wenn ich auf der Straße so gar nichts davon merke?“

Sonntag, 27. Januar 2008

Heute ist passiert, was ich schon lange erwartet habe. Ich wurde Zeugin eines Unfalls. Wartete in Down Town auf eine Journalisten-Kollegin, genoss die Sonne im Gesicht, hörte ein Krachen und sah dann nur noch einen Außenspiegel splittern und einen Körper fliegen. Der Mann im dunklen Mantel blieb einige Meter weiter weg regungslos liegen, von allen Seiten stürzten Männer herbei, rufend, die Hände vors Gesicht schlagend.

Und dann passierte, was ich gar nicht erwartet hatte: Der Mann wurde von drei anderen gepackt und schnurstracks in den Kleinbus verfrachtet, der ihn angefahren hatte. Nix Polizei, nix Krankenwagen und den Fahrer konnte ich durch die Windschutzscheibe lächeln sehen. Nur die zerbrochene Brille auf dem Asphalt ließ noch auf einen Unfall schließen.

„Klar, sie mussten ihn doch retten“, kommentiert die Kollegin, als ich ihr kurz später meine Beobachtungen schildere. Angesichts des dichten Verkehrs ist es sogar wahrscheinlich, dass das Unfallopfer so schneller ins Krankenhaus kam als wenn die Männer auf einen Krankenwagen gewartet hätten.

Seit ich hier bin, betrachte ich fast jede Straßenüberquerung als Abenteuer, das ich mit den Worten „Don’t show fear“ einleite. Ausnahmen bilden lediglich die seltenen Fußgängerampeln, -tunnel und –brücken. Ammans Straßen sind nicht für Fußgänger gemacht. Auf den Fußgängerwegen versperren oft Bäume den Weg und häufig genug existiert nicht mal ein schmaler Rand entlang der Straße, den man zu Fuß benutzen könnte. Hin und wieder sieht man Zebrastreifen, meist reichlich ausgeblichen, aber abgebremst wird dort nur, wenn jemand gerade dabei ist die Straße zu überqueren.

Tatsächlich verzichten die meisten Leute in Amman auf derlei Hilfsmittel. Die Straße wird überquert, wo es gerade passt. Selbst wenn die Straße dicht befahren ist, laufen die Leute bei der ersten größeren Lücke los und huschen über die drei, vier, fünf Spuren. Immer im Vertrauen darauf, dass die Autos schon abbremsen werden. Was sie meistens auch tun. Ich bevorzuge Ampeln und Staus, habe mittlerweile aber auch einen Blick dafür bekommen, wann ich rennend die Straße überqueren kann. Rennen ist bei den echten Ammanern natürlich gar nicht angesagt, sie strecken eher die Hand aus und fordern die ankommenden Autos zur Geduld auf. Dass ich noch nicht sehr viel mehr Unfälle beobachtet habe, wundert mich, wirklich.

Vor kurzen wurde ein junger Mann angefahren und liegen gelassen. Weil er aus einer reichen, einflussreichen Familie kam, verursachte sein Tod einiges Medienecho und sogar eine Demonstration von Freunden und Verwandten. In der Redaktion der Jordan Times dagegen waren sich die Kollegen ziemlich einig: Klar, lässt man ein Unfallopfer nicht einfach liegen. Aber der Junge war selbst schuld an dem Unfall, hatte er die Straße doch auf die ortübliche Art und Weise überquert. Selbst die Stadtverwaltung hat das Problem erkannt und baut seit einiger Zeit Zäune auf die Mittelstreifen der großen Straßen.

Die Straßen aller größeren Städte in Jordnien sind am Tag vollgestopft mit Autos, Staus auf allen Hauptverkehrsstraßen, oft auch in den Wohnvierteln. Es ist verblüffend, denn die Autofahrer schaffen sich selbst schon mehr Platz als vorgesehen: Hat eine Straße zum Beispiel eigentlich drei Spuren, dann eröffnen sie mit Sicherheit eine vierte, gerne auch mal eine fünfte. Vor meinem Haus wurden vor einigen Monaten neue Spurlinien aufgezeichnet, in Weiß und Gelb. Nur drei Wochen später war von ihnen nichts mehr zu sehen, die Farbe war verschwunden, abgefahren.

Den Plan, die Spur zu wechseln, mit einem Blinker anzeigen, ist auch nicht wirklich eine weit verbreitete Sitte. Vorgegangen wird eher so: Beschließen, dass man die Spur wechseln will, und rüberziehen. Dem Hintermann bleibt nichts anderes übrig als entrüstet zu hupen und in die Eisen zu steigen. Auch aus diesem Grund ist die Hupe das wichtigste Hilfsmittel im Autoverkehr hierzulande. Hat man der Verdacht, dass der Vordermann die Spur wechseln wird, macht man vorbeugend mit der Hupe auf sich aufmerksam. Hinzu kommen dann noch die Taxifahrer, die jedem Fußgänger hupend klarmachen, dass sie frei sind. Das Konzert an der Kreuzung vor meinem Haus ist gerade morgens fast ohrenbetäubend.

Dass Geschwindigkeitsbegrenzungen ebenfalls etwas sind, das eine eher untergeordnete Rolle spielt, muss ich jetzt vermutlich kaum noch erwähnen. Jordanische Lösung: Künstliche Bodenwellen, die auch mal mitten auf der Autobahn den Verkehr auf unter 50 km/h abbremsen. Wer da nicht bremst, ist selbst schuld, wenn Beulen aus dem Kopf sprießen und die Stoßdämpfer einen schnellen Tod sterben.

Dienstag, 22. Januar 2008

so, mal eben noch nen wetterbeitrag dazwischengeschmuggelt. schnee in amman (und ich wurde nicht nur einmal von den schneebällen der halbstarken getroffen...)



und was mich warm hält:

Samstag, 5. Januar 2008

Am Freitag wurde in Jordanien offiziell um Regen gebetet. (Bildchen) Und was passiert? Seit Freitagnachmittag regnet es. Verblüffend ;)

Ich pflege Arabisch und Englisch zugleich beim Fernsehschauen (Natural Born Killers im O-Ton mit arabischen Untertiteln - sehr witzig), büffele hochmoralische Kurzgeschichten und war tanzen, yeah!

Hyatt Hotel, 10 Dinar Eintritt, ein Freigetränk - natürlich nur Bier, Softdrinks oder Zuckerwasser mit Wodka in der Flasche. Erst lief Techno, dann arabische Musik, dann Latin, dann arabische Hits (muss mal suchen, ob ich nicht irgendwo Links der beiden absoluten Knaller, die man hier täglich im Radio hört, finde...), dann "I will survive" und Co., dann Bauchtanzmusik, dann Hiphop, dann arabische Musik, dann R'n'B, dann arabisch, dann Techno (so ziemlich die gleichen Lieder wie am Anfang) usw. Dann gingen wir, waren nassgeschwitzt und amüsiert. Nicht der Musik wegen, versteht sich. Die anderen Gäste waren zum Teil so extrem aufgemotzt, dass wir uns bei manch weiblichem Gast fragten, ob sie zum Vergnügung oder der Profession wegen anwesend war. Auch der Altersunterschied bei manchen Pärchen war frappierend. Ekligster Eindruck: Eine Anfangzwanzigerin tanzt im Jeans-Mini und ihr begleitender Endfünfziger kniet an der Wand und glotzt lüstern.

Grund des Ausflugs: Wir haben Abschied von Uday genommen, der zurzeit in Dubai weilt, danach nach Bagdad muss und dort hoffentlich sein Visa für Großbritannien bekommt, damit er in London seine Doktorarbeit abschließen kann. *daumendrückend* Und ich habe mich tatsächlich (und schweren Herzens) von meinem orangefarbenen Schal getrennt, weil Uday immer, wenn er ihn sah, glitzernde Augen bekam. تذكار (tathkar) heißt Andenken.

Lieblingsfernsehsatz: فطرت قلبي (fatarta qalbi) - Du hast mein Herz gebrochen *lach* (Ist übrigens an einen Mann gerichtet. Wer mit einer Frau sprechen will, sage fatarti...)

Mittwoch, 2. Januar 2008

aaaaah! endlich! wieder zugang zu blogspot, ohne dass der rechner abgeschossen wird.

also erst mal ein gutes, erfolgreiches und schönes 2008 für euch alle - wer auch immer hier überhaupt noch liest... ;) und die info, dass bilder aus syrien online sind. es war sehr nett, wenn auch zu kurz. aber ich fahre ja hoffentlich noch mal und sehe dann die plätze, die ich noch nicht gesehen habe gemeinsam mit mayuf.

ansonsten bin ich mit lernen beschäftigt, weil das semester fast vorbei ist und die abschlussprüfungen anstehen.

fiese kleine geschichte: die jordanische regierung schafft die subventionen für gas und benzin ab, was bedeutet, dass die preise zum anfang des jahres enorm ansteigen sollen. das hatte den effekt, dass die gasverkäufer, deren melodie man sonst bis zur extremen nervenreizung um die häuser bimmeln hört, für ganze drei tage überhaupt nicht in erscheinung traten. und natürlich ging die flasche für meinen heizer ausgerechnet am abend vorher zur neige. also verbrachte ich die tage entweder unter der decke, in der geheizten uni oder bei freunden, bis ich die hoffnung auf einen gaswagen aufgab und bei meinem vermieter hilfe suchte. mittlerweile waren es schließlich nur noch 10,2 grad in meinem appartement und durch meine bloße anwesenheit konnte ich die temperatur um wunderbare 0,4 grad anheben.

noch während wir sprachen, klingelte kurz und fast unhörbar die sonst unüberhörbare melodie vor der tür. ratib, mein vermieter, und ich stürzten die treppe hinab und erwischten den gasverkäufer, der eigentlich nur gekommen war, um exklusiv das benachbarten hotel zu beliefern. ich bekam nach einiger diskussion meine ersehnte gasflasche und mal wieder den trick mit der defekten zuleitung präsentiert - diesmal wollte der sack (ein anderer als beim letzten mal...) allerdings nur sechs dinar absahnen. er flammte beeindruckenderweise sogar die gasflasche an, um zu beweisen, dass der schlauch undicht ist. als ich nach meinem vermieter rief, setzte er sich allerdings sehr schnell in richtung ausgang in bewegung. und nachdem ich die schraube dann per hand nachgezogen hatte, stand auch die gasflasche nicht mehr in flammen. ach! diese abzocker!

غش (rhisch) heißt betrug, وقاحة (waqaaha) kann man für unverschämtheit oder auch ar***loch benutzen.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

damaskus


umayaden-moschee




denkmal für den unbekannten soldaten


gegenüber der service-station

nussverkäufer


straßenkehrer


musiker


parfummixer


silberschmied mit britischer bekannten



bludan - quarzsandhöhle und erster schnee




aleppo

Dienstag, 18. Dezember 2007

hmmm, seltsam auch, wenn man zwar posten kann, einem aber dann gesagt wird, dass der Blog nicht gefunden und angezeigt werden kann. Also eventuelle Schreibfehler oder andere Inkonsistenzen bitte übersehen! ;)
Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass hinter jeder Ecke Betrüger lauern, die auf den ersten Blick die nettesten Menschen der Welt sind.

Mein Heizgas ist leer, eine neue Flasche muss her. Die Melodie der Gaswagen ähnelt denen der Dortmunder Schrotthändler und alle haben diesselbe. In der Nachbarschaft wird vorwiegend mit den Flaschen geheizt und gekocht, deshalb stehen gestern mittag gleich zwei Wagen auf dem kleinen, schmutzigen Platz vor meinem Haus. Ich werde mit einem netten Lächeln begrüßt und der Bitte, doch eine Minute zu warten, weil der Maulschlüssel gerade in einem anderen Appartement gebraucht wirdf. Dann wird die Flasche auf die Schulter geladen und mir gefolgt. Die alte Flasche ist schnell abgeschraubt, zu meinem Erstaunen tauscht er die Dichtung aus und macht mir dann mit Hilfe von zu schnellem arabischem Dialekt und Zeichensprache klar, dass der Zugangsschlauch erneuert werden muss und mich das 9 Dinar kostet. Der Schlauch wirkt im Gegensatz zu vielen anderen Dingen in meinem Appartement ziemlich neu, also laufe ich eine Treppe höher zu meinem Vermieter, damit dieser das für mich ausdiskutiere. Als wir zurückkommen, treffen wir den netten Lächler im Flur, auf seiner Schulter die alte Flasche, mein Heizer flammt bereits gemütlich auf der zweiten Stufe und mein Vermieter schimpft lauthals. Der Gashändler hatte seinen Trick vor einigen Wochen bereits erfolgreich bei meiner arabischsprachigen Nachbarin angewandt, die Saubacke.

Am Nachmittag, nach einem Interview, auf dem Weg zurück im Taxi. Der Fahrer ist in meinem Alter und in Witzlaune. Wir üben Englisch und Arabisch, lachen und ich schenke ihm meine Kekse, weil er den ganzen Tag gefastet hat (was ich auch nicht wusste: es wird nicht nur im Ramadan gefastet, sondern zum Beispiel auch kurz vor der großen Wallfahrtszeit, der Hadsch) und während unserer Fahrt das Fasten gebrochen wird, er jedoch nichts zu essen dabei hat. Wir kommen an, ich werfe einen Blick auf das Taxameter und lehne mich wieder zurück, um das Geld herauszufummeln. Währendessen fummelt er am Taxameter rum und löscht den Betrag, versehentlich, versteht sich. Ach! "Don't try to cheat me", ist meine Ansage und ich reiche ihm den Betrag, den ich gesehen habe. Er will noch diskutieren, einen höheren Betrag rausschlagen, aber ich spiele nicht mit, sondern steige aus. Ende der Geschichte.

Kleinigkeiten, klar. Und dabei eigentlich auch keine neue Erkenntnisse gewonnen. Nur zweimal Kopfschütteln mehr.

Gleich geht's nach Damaskus, mein Mailpostfach ließ sich heute leider nicht öffnen. Schon schräg, wenn man sich in studivz einloggen kann, gmx aber nicht gefunden wird...

Für den Fall, dass ich nicht früher hier rein komme: Frohe Weihnachten Euch allen! Lasst es Euch gut gehen und nicht von der krumpeligen Verwandtschaft ärgern ;)

Samstag, 15. Dezember 2007

Mal wieder ein Irak-Film, nachdem ich einen der Schauspieler auf einer Party getroffen hatte und eingeladen wurde. „Battle for Haditha“, angeblich auch in Europa schon auf dem Weg in die Kinos. Eine Gruppe Marines, zwei Männer, die sich von al-Quaida bezahlen lassen und eine Bombe am Straßenrand vergraben, und die Nachbarschaft, die von der Bombe weiß und hin und her gerissen ist. Warnen Sie die Amis, werden sie von al-Quaida terrorisiert, tun sie nichts, passiert was passiert: Die Amis durchkämmen die Häuser und töten Männer, Frauen und Kinder in blinder Wut. Übel, aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, das alles schon gesehen zu haben. Vielleicht auch nur ein Zeichen, dass der Film sehr realistisch geraten ist.

Fast alle meine Bekannten hier sind krank – Grippe vom feinsten. Und tatsächlich hat’s mich dann gestern auch erwischt. Aber ein Tag zu Hause, viel Tee, viel Essen, viel Fernsehen und heute fühlte ich mich zwar noch immer etwas schwummerig, aber es scheint, der Kelch ist an mir vorüber gegangen.

Mein Lieblingskatz ist tot. In der Nachbarschaft toben zig Pelze rum und weil die Leute hier Katzen nur als Haustiere halten, wenn es Perser sind, und die Haustiger ganz offensichtlich immer mal wieder ausbrechen, sind einige der Straßenmiezen wirklich ausgesucht hübsch. Mein Liebling war ein schwarz-weißer Flausch, der seit gestern tot am Straßenrand liegt. Keine Ahnung, ob Gift oder Auto. Liegt zusammengekrümmt neben einer Mülltüte und niemanden kümmert’s. Überhaupt, Katzen in Amman - wühlen im Müll, sind sichtlich schmutzig und extrem scheu. Ich habe versucht, ein paar Fotos zu machen. Aber sobald ich stehen bleibe, laufen sie weg. Angst pur.



Ich habe die ersten Interviews geführt. Habe Frauen getroffen, die davon überzeugt sind, dass es zur allgemeinen Gleichberechtigung nicht mehr weit ist, und Frauen, die nur darauf warten, das Land endlich wieder verlassen zu können. Schätze, dass sich die Bilder nur zusammenfügen lassen, indem ich alle Möglichkeiten zeige, alle Widersprüche, die sich mir bieten, seit ich hier bin.

Dienstag geht’s hoffentlich endlich nach Damaskus. Ich habe das Visum! Es war viel Warterei, aber ich habe mich stumpf in der Botschaft an einen Tisch gesetzt und unter großem öffentlichem Interesse Hausaufgaben gemacht. War unterhaltsam. Und so oft ich mich hier schon gefragt habe, warum ich eigentlich nicht nach Damaskus gegangen bin, wo die Stadt doch so sehr viel schöner sein soll als Amman, habe ich in den letzten Tagen die Antwort schon mehrmals erhalten: Syrien hat nicht nur Facebook (das amerikanische StudiVZ, das hier quasi jeder benutzt) gesperrt, sondern auch youtube und blogspot. Sicher wäre die Lebensqualität während des Sprachkurs’ eine andere als hier, für mein Medienpraktikum dagegen scheint Amman der deutlich bessere Ort.

Im Arabischen macht man keinen Unterschied zwischen mischen und verwechseln, sagt meine Sprachpartnerin: Sowohl für Namensverwirrung als auch für Kuchenzutaten verwendet man das Wort chalata خلط .

Sonntag, 9. Dezember 2007

gesagt, getan. ich hab meinen ersten brief auf arabisch geschrieben. yeah! der freundliche udai hussein hat ihn für mich korrigiert und ich ärgere mich einfach mal nicht über all die fehler, sondern freue mich, dass ganze vier sätze komplett unverändert blieben.

aber eigentlich bin ich nur hier, um die linkliste zu erweitern. forget bagdad ist nicht nur eine wunderschöne dokumentation über irakische juden, die nach israel ausgewandert sind, aber ihre heimat noch immer in sich tragen, sondern auch ein ambitionierter blog einer namensvetterin, die aktuelle berichte, diskussionen und nachrichten über ihre (meine?) heimat diskutiert und verlinkt.

habt ihr eigentlich gehört, dass im irak frauen auf offener straße erschossen werden, wenn sie sich weigern ein kopftuch zu tragen? hab gestern sogar einen bericht bei tagessau.de dazu gefunden. und das in diesem so säkularisierten land! *heul*

und ja, ich weiß! das hier ist ein blog aus und über jordanien. aber eigentlich bin ich doch nur hier, weil ich mich nicht in den irak traue...

dazu passt die mail-signatur eines irakers, die ich kürzlich zu gesicht bekam: salam wa nuur سلم و نور - Frieden und Licht! ich hoffe, sein wunsch geht bald, bald, bald in erfüllung.

Samstag, 8. Dezember 2007

In Deutschland keinen Fernseher zu haben, ist dank DSL, riesigem Monitor und DVD-fähigen Laufwerken heutzutage ja kein wirklicher Verzicht mehr. Hier dagegen genieße ich es wieder im Bett zu liegen und mich von arabischen Nachrichten berieseln zu lassen, die ich noch immer nicht mal zu einem Viertel verstehe. Ich warte geduldig auf den Moment, in dem es Klick macht.

Einige Beobachtungen, die ich aufschreibenswert fand: Bei Al-Arabiya العربية scheint es zum guten Ton zu gehören, die Interviewpartner mindestens einmal, am liebsten direkt während der ersten Antwort recht rüde zu unterbrechen. Ich frage mich, ob die Moderatoren so ihre journalistische Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit beweisen wollen und sollen. Leider kann ich nur schlecht zwischen den Fernsehsendern unterscheiden, weil ich Al-Jazeera (Die Insel) الجزيرة nur auf Englisch empfange und deshalb selten schaue und zum Beispiel die beiden irakischen Sender Al-Hiwar (Der Dialog) الحوار oder Al-Forat (Der Euphrat) الفرات keinem Vergleich standhalten, weil sie insgesamt deutlich konservativer gestaltet sind. Das merkt man schon auf dem ersten Blick, da die Nachrichtensprecherinnen von Al-Arabiya durchweg sehr gestylt, mit offenen Haaren, Makeup und zum Teil sehr ansehnlichen Dekolletés moderieren, während die weiblichen Angestellten von Al-Hiwar durchweg streng gebundene Kopftücher tragen.

Wenn beim Fußball ein Tor geschossen wird, dann springen zumindest die jordanischen Fußballer nicht aufeinander, sondern fallen auf die Knie und küssen den Boden. Heute gesehen bei der Zusammenfassung des Spiels gegen Syrien.

Es gibt haufenweise Werbung für den Wiederaufbau des Irak und gegen Terrorismus – mal wirbt die irakische Fußballmannschaft für ihr Land, dann schimpft ein Vater mit seinem Sohn, weil dieser mit Dynamitstangen aus dem Haus schleicht, und drückt ihm mit den Worten „hatha mustakbal“ هذا مستقبل – „Dies ist die Zunkunft“ ein Buch in die Hand. Der brave Sohn ist natürlich in der nächsten Szene mit Buch und Studienkameraden zu sehen. Die Welt kann so schön sein.

Die saudische Post macht Werbung für Briefkästen, damit die fiesen Kollegen künftig nicht mehr die Mahnungen hämisch in der Firma rumzeigen oder das Lieblingsmagazin klauen. Das ist Fortschritt, definitiv.

Persönlicher Fortschritt (oben bereits zu bewundern): Arabische Buchstaben auf dem Rechner. Natürlich läuft das zurzeit nur im mühsamen Zwei-Finger-Suchsystem. Zudem verwirrt mich die Schreibrichtung, weil ich beim Vor und Zurück zwischen den Buchstaben oder beim Löschen derzeit noch jedes Mal die falsche Taste wähle. Nächster Schritt: Ein Brief an meinen Vater – in Arabisch und getippt.

Ach, und noch ne Erfolgsmeldung: Seit Donnerstag habe ich meine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr. Nicht, dass ich wirklich so lange bleiben will. Aber damit sind meine Chancen, doch noch nach Syrien zu kommen und Mayuf zu treffen, deutlich gestiegen. Daumen drücken! Der Besuch bei der syrischen Botschaft steht schließlich erst noch bevor.

Dienstag, 27. November 2007

aus meinem fenster, gestern abend. schön!

Schande über mich! Schon wieder fast eine Woche ohne neue Worte vergangen. Aber was soll ich auch schreiben? Die Tage vergehen wie im Flug, nicht zu fassen, dass ich schon drei Monate hier in der Fremde lebe.

Die Stunden im Sprachkurs fallen mir leichter, aber die winzigen Fortschritte sind kaum spannend zu beschreiben. Naja, im Test habe ich 42,5 von 50 möglichen Punkten *strunz* und unsere wirklich entzückende Junglehrerin schrieb dazu „Iam very broud of you“. Ich gestehe: Einige dieser Punkte habe ich meinem Wörterbuch zu verdanken. Andererseits: Auch das Wörterbuch zu benutzen war vor drei Monaten noch eine ermüdende Herausforderung und noch immer habe ich die Reihenfolge der Buchstaben nicht wirklich im Kopf, sondern muss mir häufig genug mit Blindblätterei behelfen.

Meine Sprachparterinnen sprechen leider viel zu gutes Englisch, um sich mit mir auf Arabisch abzumühen – außerdem missbrauche ich sie in der Regel als Übersetzungsautomaten. Aber heute habe ich mal wieder den Sohn eines Freundes meines Vaters getroffen und sein Englisch ist so gering, dass ich fast sämtliche Hemmungen wegen meines Arabisch verliere. Ich würde es kein Gespräch nennen, aber wir kommunizieren. Ich weiß jetzt, dass mein Vater mal einen wolfsähnlichen Hund hatte und dass seine älteren Söhne im Schwimmbad von Mossul gearbeitet haben. Lieblingswort aus dem heutigen Treffen: sindschaab – Eichhörnchen. Denn mühsam ernährt sich das Eichhörnchen ;)

Gestern hatte ich noch eine nette Einführung in öffentliche Verwaltung in Jordanien. Ich habe es endlich geschafft, mein Paket von der Post abzuholen. Einmal war ich schon umsonst dort gewesen, weil die Paketausgabe nur von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags geöffnet ist. Nix mit Siesta und ewig langen Öffnungszeiten, is schließlich Winter hier (apropos: fiese 14 Grad, wenn ich mein Appartement betrete, aber der Gasbrenner bröddelt die ganze Zeit, es sei denn ich bin außer Haus oder schlafe, und hat es gerade auf 18 Grad geschafft!). Jedenfalls war ich dann gestern wieder Downtown bei der Hauptpost, bekam am ersten Schalter einen Zettel, den ich im nächsten Raum einem Mann überreichte, der diverse Daten inclusive meiner Passnummer fein säuberlich in ein Buch eintrug und den Zettel dann in den Raum mit den Paketen reichte. Zehn Minuten später kam mein Päckchen und wir warteten gemeinsam auf den Zollbeamten, der gerade irgendwo im Gebäude unterwegs war, aber von einer älteren Jordanierin, die keine Lust hatte zu warten, aufgespürt und heranzitiert wurde. Ein bisschen rutschte mir das Herz in die Hose, als er auf die hübsch verpackten Geburtstagsgeschenke (Dank <3)deutete und mich fragte, was das denn sei. Schulterzucken, la arif (ich weiß nicht) und eid milaad (Geburtstag) schienen ausreichende Erklärungen zu sein – ich musste nichts auspacken und auch nichts verzollen. Ich bekam einen anderen Zettel und kehrte in den ersten Raum zurück. Dort musste ich erst zum Manager, um mir sein Häkchen abzuholen, dann zum Mann am Computer, für ich weiß nicht was, und dann zu einem dritten Mann, der mir dreieinhalb Dinar Postgebühr abknöpfte und meine Zettel energisch stempelte. Dass er mir fünf Dinar zuviel an Wechselgeld herausgab, hab ich mal nicht ausgenutzt, ich ehrliches Seelchen, und ihn damit ganz offensichtlich überrascht.

Chalas? Genug!

na, eins noch: geschlechterverwirrung beim sockenkauf:

Mittwoch, 21. November 2007

Gestern hatten wir frei – wahlfrei. Die gesamte Universität lag still, damit die Jordanier/innen wählen gehen konnten. Die meisten jungen Leute, mit denen ich mich unterhalten habe, mieden die Wahlurnen allerdings.

„Wir kennen die, wir vertrauen ihnen nicht“, sagte meine Sprachpartnerin Isra. Ins gleiche Horn stieß auch Ahmed: „Sie tun nichts für uns, deshalb will ich ihnen meine Stimme nicht geben.“ Rami plagte zwar ein schlechtes Gewissen, weil er den Gang zur Wahlurne eigentlich als seine Pflicht betrachtet, aber er hatte schließlich eine gute Ausrede: Sein Ausweis war nicht aktuell und so konnte er nicht wählen gehen. Nur Abdel war wählen und erzählte mir, dass er kurz vor Wahlschluss zu einem der Kandidaten ging, ihn um Hilfe bei einem Problem bat (um was es genau dabei ging, konnte ich leider nicht herausfinden) und ihm im Gegenzug seine Stimme versprach. Nein, Geld habe er nicht verlangt – aber in der Presse ist die Rede davon, dass einzelnen Parteien eine Stimme bis zu 100 JD (knapp 100 €) wert ist. Das entspricht einem monatlichen Durchschnittslohn, ist also ne Menge Holz hierzulande.

Die Diskussionsrunde im jordanischen Fernsehen hab ich trotz aller Konzentration nicht wirklich verstanden, aber die vier Männer regten sich zum Teil kräftig auf. Tatsache ist zum einen, dass die Islamische Aktionsfront an Boden verloren hat, während die Königstreuen die Mehrzahl der 110 Parlamentssitze errungen haben. Und zum anderen, dass zum ersten Mal in der kurzen Geschichte des Haschemitischen Königreichs eine Frau ein Direktmandat errungen hat – eine Zahnärztin aus Madaba (was einige von Euch vielleicht noch als die Stadt mit den schönen Mosaiken erinnern, in der wir die meiste Zeit damit verbrachten auf unser Essen zu warten).

Morgen ist mal wieder ein Test angesagt – die Konjugationen sitzen halbwegs, die Zahlenkombinationen und die anderen grammatischen Finesschen wie das *f.ck, was heißt verbal noun noch mal auf Deutsch????* für sechs von zehn verschiedenen Verbformen auch.

Zu Eurem Amüsement: Bei der Zahl 1 steht das Zahlwort hinter dem Nomen und folgt dessen Genus, das Nomen steht im Akkusativ. Für die Zahl 2 gibt es ohnehin eine eigene Form für die Nomen, den so genannten Dual, die Zahl ist also verzichtbar. Bei den Zahlen 3 bis zehn steht die Zahl vor dem Nomen und wechselt den Genus (also männliches Nomen, weibliche Zahl und umgekehrt), das Nomen steht in der Mehrzahl und im Genitiv. Von 11 bis 99 steht das Nomen wieder im Singular, allerdings im Akkusativ, die Zahl steht weiterhin vor dem Nomen und wechselt das Geschlecht. Bei 100, 1000 usw. folgt die Zahl im Geschlecht dagegen wieder dem Nomen, das weiterhin im Singular, allerdings jetzt wieder im Genitiv steht. Wer’s verstanden hat, kriegt ein Sternchen!

Achja, und ganz übel für mich Frostbeule: Es hat den gesamten, verdammten Tag lang geregnet und sogar gehagelt. Wer hat mich noch mal ausgelacht als ich die Regenjacke einpacken wollte? Hmmmmm?????!!!!! Aber ein Hoch auf meinen Cordmantel, der ist einfach der beste!

Und noch ne Anmerkung: Die Telekom hat’s doch tatsächlich geschafft, mir eine weitere Rechnung für November zu schicken....

Samstag, 17. November 2007

Elf Leute, die sich nicht kennen, unter einen Hut zu bringen, ist nicht so einfach. Dennoch: Serpentinen kurven und Wüstenhighway langbrettern und im Roten Meer planschen war großartig - und das Lachmuskeltraining war inklusive.

nachts am strand:
im tageslicht:

4xdeutsch, 2xarabisch, 1xholländisch - unschwer an der farbe zu erkennen ;) der amerikanisch-französisch-arabische rest war anderweitig unterwegs.
in the back of my car
lichthupe und hupe sind unverzichtbare bestandteile eines autofahrerlebens in jordanien - und sie wirken wahre wunder. oder wie es die rückbank formulierte: communicate with them!

Donnerstag, 15. November 2007

Was passiert in Amman, wenn in einem Film über kubanische Musiker einer der Helden seine Geschäftsbeziehung zu einer spanischen Talentsucherin vertieft? Während des Eröffnungsfilms eines Europäischen Filmfestivals im King Hussein Kulturzentrum zog jemand den Stecker. Das führte dazu, dass man für den Bruchteil einer Sekunde zwei nackte, braune Körper sich aufeinander stürzen sah, dann einen blauen Bildschirm und dann die Mitteilung "No signal". Ein paar Minuten, die einige Gäste nutzten, um sich aus dem Saal zu stehlen. Anschlussszene: Der Held lässt sich von seinem Freund mit dem Auto abholen und erklärt sich mit den Worten: "She's a tough one, she likes to sleep alone." Ahja!

Morgen geht's nach Aqaba, die jordanische Hafenstadt, und ich darf endlich mal wieder Peugeot fahren. Bin gespannt, ob ich's ins Meer schaffe oder doch nur vom Strand aus die Wellen beäuge :)

Montag, 12. November 2007

Kaum zu glauben, aber wahr: Ich konnte heute eine knifflige grammatikalische Frage beantworten und dem gesamten Unterricht folgen. *stolzbin* Es scheint sich auszuzahlen, dass ich immer noch wie verrückt lerne, auch wenn ich oft den Eindruck habe, dass alles viel zu langsam geht. Naja, Konversation betreiben dauert tatsächlich noch ein bisschen. Aber die Taxifahrer sind immer verzückt, wenn ich zumindest ein paar Sätze radebreche. Dass mein Arabisch gut ist, nehme ich Ihnen allerdings nicht ab, den alten Schmeichlern *g*

Zudem finde ich mittlerweile Spaß an meiner neuen Gewohnheit, mir unbekannten Männern zu sagen, dass ich verheiratet bin. Sie fragen immer. Und wenn ich Nein sagte, dann wurde ich jedes Mal nach meiner Telefonnummer gefragt. Das war ich leid. Jetzt erzähle ich immer, dass mein Mann in Deutschland arbeitet, was kürzlich zu einem amüsanten Dialog über die Vorzüge moderner Zeiten, Internet und Webcams führte.

Eine andere Wunderlichkeit: Seit ich bei myspace Jordan im Profil angegeben habe, kriege ich täglich neue Nachrichten von Ali, Achmed oder Jordanian, die mich kennenlernen wollen. Im „deutschen Netz“ hätte ich für so viel Aufmerksamkeit zumindest ein entblößtes Hinterteil ins Profil laden müssen. Ob das mein eigenes gewesen wäre, hätte natürlich eher keine Rolle gespielt. Hier reichen ein bisschen Englisch und Deutsch und schon drehen die Herren auf.

Schlechte Nachricht: Ich bin gestern nass geworden, als ich im Regen nach Hause gelaufen bin, und friere mir derart den Allerwertesten ab, dass ich wieder angefangen habe, mehrere Lagen Kleidung übereinander zu tragen. Ich gebe zu, das Wetter hier ist nicht zu vergleichen mit dem deutschen Schneegestöber, das ich gestern in den Nachrichten bewundern durfte. Trotzdem! Mir ist kalt und ich find’s doof *lach*

Sonst gibt es eigentlich nicht viel zu berichten. Die Tage sehen gleich aus, aber es ist noch nicht zu viel (Ich liebe es, Die Sterne zu zitieren und zu verdrehen...) Morgens Sprachkurs, mittags Cafeteria und Sprachpartner, nachmittags bis spät in die Nacht lernen und quatschen mit Leila und Konsorten.

Möglicherweise ziehe ich doch noch in eine WG mit Megan, da ihre jetzige Mitbewohnerin hier so gar nicht klar kommt und eventuell früher abreist. Und diesmal werde ich den Mietpreis verhandeln – das hab ich nämlich beim letzten Mal vergessen. Schrieb ich das schon? Weiß nicht mehr... Jedenfalls zahle ich eigentlich zu viel Miete, aber die Vermieter sind nett und bringen alles, was ich brauche – auch wenn ich alles immer erst mal gründlich reinigen muss, aber das ist eine andere Geschichte, die sich unter anderem darum dreht, dass ich zum ersten Mal willentlich ein antibakterielles Putzmittel benutzt habe... Jedenfalls betrachte ich den überhöhten Mietpreis als Lehrgeld, das ich beim nächsten Mal nicht mehr zahlen werde. Allerdings handelt es sich bei der WG definitiv noch um ein ungelegtes Ei. Also stay tuned! :)

Ähmmmm, Arabisch? Ich spiele morgen in der Konservationsstunde nen Doktor und werde fragen: Hal ladeika muschkila raraasia (erstes R im Rachen, zweites gerollt)? – Sind Sie unglücklich verliebt? Angemessene Frage, wenn meine Patientin mir erzählt, dass sie hin und wieder Herzrasen und –stechen hat und weder isst noch schläft. Tatsächlich, so wurde es gemeinschaftlich beschlossen, hat sie aber nur Stress. Meine Medizin? Urlaub!

Donnerstag, 8. November 2007

...hab euch trotzdem vermisst...




für die neugiernasen: die parfümflasche stand auf dem kühlschrank ;)

Mittwoch, 7. November 2007

Willi Betz ist einfach überall! Auf der Ladefläche eines Kühllasters bin ich heute mit ehemaligen Beschäftigten des omnipräsenten Fuhrunternehmers von Sofia nach Amman gefahren – und war das erste Mal überhaupt in Jordanien angeschnallt.

Keine Sorge, ich bin weder übergeschnappt, noch betrunken. Leider habe ich den Namen des Projekts vergessen, aber ich finde ihn noch mal heraus. Zumal ich weiß, dass die Reise hin und wieder auch nach Berlin oder Hamburg oder oder oder führt und die Teilnahme wärmstens empfehle – nicht nur, weil sie kostenlos ist.

Zwei bulgarische Lasterfahrer haben uns in ihrem 16 Jahre alten und umgebauten Truck mitgenommen – drei Sitzreihen und eine Glasfront über die gesamte Länge des Trucks. Hin und wieder wurde eine Jalousie heruntergelassen und darauf Straßenszenen, Interviews oder unsere beiden Fahrer im Cockpit projiziert. War sie hochgezogen, waren schlafende und auch schon tote Laster jeder Altersklasse zu sehen, vermeintliche Grenzstationen – mein Lacher des Abends war ein Beamter, der auf dem Computer Solitär spielte – der Großmarkt und eine weißgekleidete Sängerin, die mir Gänsehaut verursachte.

Beim Grenzübertritt zwischen Bulgarien und Serbien geht nichts ohne Zigaretten oder harte Euro. Das Fuhrunternehmen stellt pro Fahrt 25 Euro für Bakschisch zur Verfügung, was meist nicht ausreicht. Die serbische Polizei ist am gierigsten. An der Grenze zwischen Türkei und Syrien gibt es keine Duschen. Bevor der Laster die jordanische Grenze übertreten darf, wird er desinfiziert. Für die sieben Tage Fahrt bekommen jeder Fahrer knapp 180 Euro, Standzeiten werden nicht bezahlt, selbst rote Ampeln werden vom Lohn abgezogen. Schräge Nebengeschichte: Im Iran kann man drei Tage Wartezeit an der Tankstelle gegen einen Neckermann-Katalog tauschen. (Den Grund für diesen lukrativen Tausch konnte ich leider nicht erfragen, aber ich vermute mal, dass das Zeug nachgeschneidert und dann verkauft wird. Für logischere Erklärungen bin ich offen!)

Die Löhne für bulgarische Trucker jedenfalls haben Willi Betz überzeugt, er hatte sich schon vor 1989 in das staatliche Fuhrunternehmen Somat eingekauft – bis heute beschäftigt er vorwiegend bulgarische Fahrer, die die gelben Laster mit dem blauen Schriftzug durch ganz Europa, bis auf die arabische Halbinsel und weiter fahren. Seit 2006 läuft ein Verfahren wegen Lohndumping gegen das Unternehmen, das bis heute nicht abgeschlossen ist. Der Sohn des Unternehmers sitzt mit Unterbrechungen seitdem in Untersuchungshaft, das Bundesverfassungsgericht hat eine Beschwerde gegen die Länge der U-Haft erst vor sieben Tagen abgewiesen.

Sehenswert!

Sonst geht’s gut hier :)

Meine Sprachpartnerin hat mir ein paar Sätze aufgeschrieben, die ich bei der nächstbesten Gelegenheit an aufdringlichen Männern und doofen Frauen ausprobieren werde. a’ib aleik heißt „Schäm Dich!“, itrukni heißt „Lass mich in Ruhe!“ und wenn mir mal wieder jemand erzählen will, dass Rauchen schädlich ist, bekommt er muschurlik um die Ohren gehauen, was so viel heißt wie „Das geht Dich nichts an.“

Ich krieg morgen ne Party und warte ungeduldig auf Mitternacht, damit ich endlich das Päckchen von meinem Vater öffnen kann, dass mich seit Tagen von meinem Kühlschrank herunter anlacht. Natürlich habe ich es schon geschüttelt und belauscht und ich habe so meine Vermutungen, was wohl darin sein könnte. Aber Geburtstagsgeschenke macht man halt nicht vorher auf. Schrecklich, diese gute Erziehung!

Samstag, 3. November 2007

Mal wieder eine Lektion in Sachen Frauenrechte.

Ich habe einen Tag am Toten Meer verbracht, mit Leila und Jays Mitbewohner Znounou sowie einem netten Holländer und einer süßen Mexikanerin. Um Amman Beach zu betreten, zahlen Ausländer zehn JD (1 Jordan Dinar ist etwa ein Euro). Geboten werden das Tote Meer und zwei stattliche Pools, ein verdammt rutschiger Boden und das sonst so Übliche, also Kaffeebude, Restaurant, Snack- und Souvenirshop sowie Schlammschmiererei für Touristen. (Ich hatte keine Lust, 2 JD für einen Ganzkörperpackung Schlamm auszugeben, aber andere schwarze oder halbschwarze Gestalten am Strand warten zu sehen, bis das Zeug getrocknet war und abgewaschen werden konnte, hatte Unterhaltungswert.) So weit, so gut, so nett. Allerdings sollte man sich nicht am Morgen vor dem Besuch am Toten Meer rasieren, denn jede klitzekleine Wunde brennt beim Kontakt mit dem Salzwasser wie Hölle – genau wie sämtliche Schleimhäute. Tauchen nicht empfohlen – ich bekam versehentlich Wasser in die Nase und das war kein Spaß. Wie eine Quietschente durch’s Wasser zu dümpeln ist aber auch ohne Tauchgänge ein bemerkenswertes Erlebnis.

Schon beim ersten Gang am Pool entlang war mir aufgefallen, dass nur Jungs und Männer durch’s Wasser tobten. Später entdeckte ich dann auch die Mädchen und Frauen. Mit offenen Haaren oder mit Kopftuch, im Mantel oder in Jeans und T-Shirt standen und saßen sie um den Pool herum. Die einzigen weiblichen Wesen im Pool waren jedoch wir. Die Mädchen – wir waren in einen Schulausflug geraten – hielten höchstens mal ihre Füße ins Wasser, sahen den Jungs beim Schwimmen und Springen zu und wanderten zwischen Pool und Meer hin und her. Ich habe den einen oder anderen sehnsuchtsvollen Blick in Richtung Wasser gesehen, aber die meisten schienen diese Geschlechtertrennung zu akzeptieren. Vielleicht konnten die meisten der Mädchen nicht schwimmen. Dennoch: Wie frustrierend muss es sein, wenn alle männlichen Klassenkameraden an einem heißen Sommertag im Pool herumtollen, während man selbst voll bekleidet am Rand sitzen muss, nur weil man zufällig dem anderen Geschlecht angehört?

Leila und ich haben diskutiert: Ob wir uns wehren und ins Wasser gehen würden, auch wenn alle unsere Freundinnen draußen und bedeckt blieben. Oder ob wir vielleicht gar nicht erst mitfahren würden. Ich braves Mädchen kann mir vorstellen, wie es ist, das fiese Spiel zu akzeptieren. Die wilde Leila war überzeugt, dass sie das nicht mit sich machen lassen würde. 1:1

Und dann auf dem Nachhauseweg, nach Kochen und Essen mit Znounou und Leilas Mitbewohner Udai – ein Baghdadi, der zu diesem Vornamen tatsächlich auch noch den Familiennamen Hussein trägt, aber ein wirklich netter Kerl ist: Ein Mann steht im weißen Unterhemd, also halbnackt, auf der Straße. Eine Gruppe junger Männer pfeift mich nach und ruft: Wie alt bist Du? Woher kommst Du? Ich liebe Dich. Ich will Dich küssen. Dabei war an mir nichts Aufsehenerregendes zu entdecken – die Haare faul zusammengeknäult, Kapuzenpulli, Cordhose, Turnschuhe.

Aber im Ignorieren bin ich ja mittlerweile groß. Ich gehe meine Wege – auch wenn ich mich nach Anbruch der Dunkelheit unwohl fühle, weil ich weiß, dass ich aus dem Rahmen falle, wenn ich allein unterwegs bin. Ich überhöre die Kommentare auch ohne Musik in den Ohren, ich übersehe die Blicke, auch wenn ich sie spüre, ich rauche auch auf der Straße und wenn es zu warm ist, dann ziehe ich die langärmeligen Sachen aus. Das heißt so viel wie: Sie zeigen keinen Respekt für meine Bemühungen, also lasse ich meinen Respekt auch zu Hause. Ich bin davon längst nicht mehr so angepisst wie in den ersten Wochen, I got used to it.

Das ändert allerdings nichts daran, dass ich es als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit empfinde, dass die Männer hier sich so derart daneben benehmen (dürfen), während ich schon als ehrlos gelte, wenn ich nach 22 Uhr allein nach Hause laufe, und mich von alten Frauen als Hure betiteln lassen muss, wenn ich eine Rauchpause auf dem Flohmarkt mache.