Mittwoch, 12. September 2007


Die wohl am meisten verblüffende Tatsache des gesamten Tages: Die Moschee hat mich nicht geweckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das Morgengebet für mich ausfallen ließen. Aber aufgewacht bin ich erst vom Klingeln meines Weckers. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich so schnell daran gewöhnen und das Rufen ignorieren würde. Das menschliche Hirn ist schon eine famose Sache.

Heute am Morgen war der Einstufungstest. Erst sollten wir Dialoge hören und Fragen dazu beantworten, dann kamen ein Grammatikteil und ein Text mit weiteren Fragen. Nun ja, ich habe einige Sachen verstanden und beantworten können. Aber über Level A werde ich wohl doch nicht hinaus kommen. Der gesprochene Teil war viel zu schnell für mich, viele Vokabeln in den anderen beiden Teilen kannte ich nicht. Morgen um zehn gibt es die Ergebnisse. Schön war, danach mit den anderen Leuten zu reden und von ihnen die gleiche Einschätzung zu hören. Sicher haben einige von ihnen tief gestapelt und sich schlechter eingeschätzt, als sie tatsächlich abgeschnitten haben. Negativ aufgefallen ist allen eine Frau, die sich beim Lehrer beschwerte, dass der Test zu schwer gewesen sei. Sie schien eine Konvertitin zu sein – eine Europäerin mit streng gebundenem Kopftuch und langem Mantel, sehr weiß im Gesicht.

Danach wollte ich im Netz schauen, ob ich schon Antworten auf meine erste Mail bekommen habe. Der Rechner fand zwar sofort das drahtlose Netzwerk und ließ sich auch damit verbinden, doch dann ging nichts mehr. Weder Google, noch gmx, noch sonst irgendeine Seite ließen sich öffnen. Selbst nachdem mir ein freundlicher junger Mann mit den Proxy-Einstellungen geholfen hatte, passierte nichts auf meinem Bildschirm. Die Lösung: Der Microsoft Internet Explorer. Öffnen, Adresse eingeben, loslegen. Das Feuerfüchschen muss ich wohl erst mal ausrangieren. Warum die Technik nicht so will, wie ich sie gern hätte, versteh ich mal wieder nicht. Aber letztlich ist ja entscheidend, dass ich erreichbar bin. Und siehe da, es hatten schon liebe Menschen geantwortet. Dank an Euch! Ich hab mich sehr gefreut. Weil ich keine Lust hatte, auch noch das Kabel mitzuschleppen, schaffte ich es danach gerade noch so, mir einen Blog einzurichten. Füllen werd ich ihn erst morgen können. Denn nach der ersten Seite war mein Bildschirm schließlich schwarz. Die Rumprobiererei vorher hatte einfach zu lange gedauert, der Akku brauchte frischen Saft.

Danach bin ich noch ein bisschen sitzen geblieben. Habe von einer Amerikanerin die Telefonnummer eines jungen Mannes, der Appartements in der Nähe vermietet, bekommen. Ihn werde ich morgen Mittag treffen. Habe mit ein paar anderen Leuten gequatscht, war kurz Teil der german corner.

Auf dem Heimweg habe ich das Geld für die Miete abgehoben, auch wenn der Automat mal wieder nicht mehr als 250 Dinar auf einmal ausspucken wollte. Gegenüber dem Haupteingang der Uni streifte ich kurz durch eine Buchhandlung auf der Suche nach englischen Büchern. Gestern habe ich mit Bill Brysons „Notes from a Big Country“ begonnen – großartig fiese Texte über die Vereinigten Staaten, geschrieben von einem Amerikaner, der nach 20 Jahren Leben auf der britischen Insel in sein Heimatland zurückkehrt und ne Menge Dinge ludicrous, appalling, pointless und prepousterous findet – also lächerlich, entsetzlich, sinnlos und grotesk. Die Reclams von Paul Auster und John Steinbeck liegen noch im Regal – aber selbst wenn ich immer fleißig Arabisch pauke, jede Zeile der Jordan Times studiere und brav blogge, werde ich auch die sehr bald ausgelesen haben. Das Los der Wortjunkies – wir brauchen ständig neuen Stoff.

Nach dem Essen hab ich genickert und wurde schließlich doch noch von der Moschee geweckt, die diesmal zum Nachmittagsgebet rief. Gleich werde ich einige Dinge einkaufen gehen, denn morgen beginnt der Fastenmonat Ramadan. Tagsüber essen, trinken und rauchen werde ich dann nur hinter verschlossenen Türen. Auch wenn ich normalerweise sehr gut einen ganzen Tag lang ohne Essen auskomme – zu wissen, dass in meinem Zimmer leckere Sachen auf mich warten, wird mir das Mitfasten doch sehr erleichtern. Außerdem will ich schauen, ob Zeynat von der Rezeption Lust auf ein wenig Gesellschaft, eine Partie Backgammon oder ein paar holprige Sätze Arabisch hat. In den vergangenen Tagen wirkte es nicht, als wäre sie hinter ihrem Tresen sehr beschäftigt.

Ich treffe sie mit einer jordanischen Journalistin, die erzählt, dass sie nach der Kindererziehung zurück in den Job will, und sofort meine Visitenkarte in die Hand gedrückt bekommt. Wir reden ein bisschen, dann zieht es mich in den Supermarkt. Ein Topf für 6 Dinar, Gemüse, Nudeln und Tomatenmark, Milch, Instant-Kaffee, was für den süßen Zahn und endlich denke ich auch an das Toilettenpapier. Die Verkäufer sind sehr nett, auch als ich die Worte für Kartoffeln und Kuh verwechsle. Nicht batata, sondern bakara (beides tief hinten im Rachen gesprochen). Ziegenmilch im Kaffee will ich schließlich nicht.

Zeynat legt ihren Koran zur Seite, setzt sich mit mir zusammen. Ihre Bekannte ist schon wieder weg. Sie erzählt zuerst von ihrer Familie, sieben Schwestern und drei Brüder, dann von ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Bis abends um sieben dauere das Fasten, al-saum, aber ich könne gerne auch schon vorher kochen und essen, versichert sie mir. Schließlich wisse doch jeder, dass ich Christin sei. Ich verkneife mir jeden Kommentar zu dieser Annahme; habe ja noch deutlich das entsetzte Gesicht meines marokkanischen Sprachpartners vor Augen, als ich ihm sagte, ich hätte noch nie die Bibel komplett gelesen. Ich frage und frage – über das Beten, ob sie in die Moschee geht, was der Hischab, das Kopftuch, für sie bedeutet – erzähle ein paar Dinge über Deutschland, das Bildungssystem, die neuen Studiengebühren und dass es vor gut hundert Jahren für deutsche Frauen durchaus üblich war, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Wir plaudern zwei kurze Stunden, dann hat sie Feierabend und ich ziehe mich in mein Zimmer zurück, will nicht zu aufdringlich sein.

Mein Lieblingsarabisch heute: janni – ich denke, ich meine. Ein wunderbares Füllsel für alle Gelegenheiten.

Letzte Frage: Woher kommt die einsame Mücke, die mich gerade umsirrt und wohl an ein sicheres Abendbrot glaubt?

Dienstag, 11. September 2007

zwei in einem

Mir scheint, ich habe endlich ausgeschlafen. Die vergangene Nacht war unruhig, es steht 17 zu drei – 17 Mückenleichen, drei Stiche; die gesamte Nacht verbrachte ich schwitzend unter dünnen Tüchern, die die Biester tatsächlich von mir abhielten. Heute Morgen dann entdeckte ich doch noch das Fliegengitter am Fenster, das mir künftig ruhigere Nächte bescheren wird.

Den Morgen verbringe ich damit, Zeit zu vertändeln. Ich will mir später Amman anschauen, aber die übelste Mittagshitze vermeiden. Ich trinke Kaffee, rauche eine, zwei Zigaretten, vertilge die letzten Kekse aus der Bäckerei um die Ecke. Danach verschicke ich von dem Rechner an der Rezeption für einen Dinar meine erste Mail an die Lieben daheim, malträtiere mein Bankkonto, kontrolliere all meine virtuellen Identitäten. Die Ladezeiten sind fast so schnell wie in Deutschland. Ich werde keine neue E-Mail-Adresse brauchen, mein Internet-Leben wird sich wahrscheinlich fast gar nicht verändern.

Danach nehme ich mein Zimmer endgültig in Besitz, packe alle Klamotten bis auf die beiden dicken Pullover aus den Taschen und verteile Schreibkram, Kabel und Küchenutensilien in den Regalen. Der Traumfänger hängt am Fliegengitter, die Apotheke liegt griffbereit neben der Tür, der dämliche Stromadapter rutscht weiter fröhlich und regelmäßig aus der Dose. Die wichtigsten Daten sichere ich noch mal auf dem USB-Stick und der Festplatte.

Dass heute der 11. September ist, der Tag, an dem ich seit fünf Jahren Tagebuch führe, fällt mir erst ein, als ich den heutigen Text beginne. Vermutlich wird mir das Datum nirgendwo sonst begegnen.

Vor dem Abflug hatte ich noch gewitzelt, dass ich mich unbedingt am 11. September für meinen Sprachkurs anmelden wollte. Stattdessen habe ich das gestern schon erledigt. Zu Fuß brauche ich etwa zehn Minuten zur Uni, das Sprachzentrum liegt etwas versteckt hinter der Fakultät für Kunst. Privatsphäre ist im Büro von Omar Tawfiq, dem Betreuer der Sprachschüler, ein Fremdwort. Vor seinem Schreibtisch stehen sechs Stühle, die fast alle mit Wartenden besetzt sind. Ich erinnere mich dunkel, dass ich von ähnlichen Gepflogenheiten in arabischen Behörden bereits gelesen hatte.

Ich treffe vor dem Büro vor allem Deutsche – aus Münster und Heidelberg, Orientalistikstudenten und Islamwissenschaftler. Einzig ein übergewichtiges Pärchen kommt aus den USA; während ich wartend neben ihnen sitze, fallen ihr fast die Brüste aus dem Shirt. Dass ich Probleme habe, sein Englisch zu verstehen, finde ich allerdings weniger witzig.

Insgesamt dreimal laufe ich zwischen Sprachzentrum und Verwaltungsgebäude hin und her. Das erste Mal suche ich nur einen Geldautomaten und etwas zu trinken, laufe ein Stück weiter als nötig, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Die Kreditkarte gibt nur 350 Dinar frei, ich bräuchte 750 um mich anzumelden. Dann soll ich am nächsten Tag wiederkommen, Tawfiq Omar ist nicht aus der Ruhe zu bringen, hört das Problem wohl schon zum tausendsten Mal. Ich bin schon auf dem Weg zum Hauptausgang, da fällt mir die zweite Bankkarte ein, die ich bei mir trage. 500 Dinar spuckt der Automat aus ohne zu mucken. Ich bin darüber amüsiert, dass mein erster arabischer Satz an der Uni „aindi al-flus“ lautet – ich hab das Geld. Beim zweiten Mal erkenne ich Verwaltungsgebäude und Bank ohne Probleme wieder, reihe mich in die Schlangen ein und darf zahlen. Beim dritten Mal bin ich mit meinem neuen Studentenausweis in der Tasche auf dem Heimweg und zeige eben noch einer weiteren deutschen Bekanntschaft die Verwaltung.

Die Straßen auf dem Campus sind voll mit Menschen. Die Männer tragen meist Shirts und Jeans, manche Anzug, nur wenige das bodenlange weiße Gewand aus den Golfstaaten. Die meisten der jungen Frauen tragen Kopftuch, andere haben die langen dunklen Haare oft mit blonden Strähnen durchsetzt und offen. Kurze Haare tragen offensichtlich nur die Ausländerinnen. Zweimal sehe ich voll verschleierte Frauen, einmal kommt mir ein Mädchen in Dreiviertel-Hosen entgegen. Sie läuft zügig und in der Mitte des Weges. Die meisten tragen Hosen, oft einen Mantel oder zumindest ein knielanges Hemd darüber, ganz selten nur einen bodenlangen Rock. Das Kopftuch passt in der Regel entweder zur Handtasche oder dem Oberteil. Auf die Auswahl ihrer Kleidung scheinen sie alle sehr viel Wert zu legen, nichts scheint dem Zufall überlassen, Farben und Muster sind zum Teil exquisit und ich entdecke einige große Modenamen auf ihren Handtaschen.

Mein Lächeln wird nur selten beantwortet, ich kann die Blicke nicht recht deuten. Meine Hose und meine Bluse sind weiß und weit und sollten eigentlich keinen Anstoß erregen. Vielleicht sind es die kurzen Haare, vielleicht die Bauchtasche, vielleicht die Crocs, vielleicht einfach nur die Neugier.

Das mit dem Lächeln klappt heute in der Stadt sehr viel besser. Vor allem die älteren Frauen lächeln zurück, die jüngeren dagegen verziehen meist keine Miene. Auf die Rufe der Verkäufer reagiere ich nicht, nur manchmal lächle ich und winke ab. In einer stinkenden Gasse pfeifen sie mir hinterher, ich dreh mich nicht mal um, schaue nur einen, der ein paar Meter weiter lacht, mit gehobenen Augenbrauen und Runzelstirn an. Eigentlich wollte ich den Spaziergang im T-Shirt wagen, nun bin ich doch froh, mich für lange Arme entschieden zu haben. Nackte Arme sehe ich tatsächlich nur bei den Touristinnen – und die tapern nicht allein durch die Gegend.

Ich versuche mich im Getümmel rund um den wasat al-balad zu bewegen, als wäre es nicht erst mein zweiter Tag hier. Laufe gemächlich, schaue in die tausendundeinen Läden und auf die Auslagen der Händlerinnen auf dem Bürgersteig, esse Hühnchen mit Reis in einem der Imbisse (natürlich im Obergeschoss, wie es sich für eine Frau gehört), drängle mich durch den übervollen Gemüsemarkt, winke mir ein Taxi heran, als die Dämmerung beginnt. Es gibt alles – von Klamotten und Schuhen über Möbel und Stereoanlagen bis hin zu Kinderspielzeug, Parfüm und Haushaltswaren. Ich sehe sogar eine Schmiede und zwei Haustierläden mit gefärbten Küken und übervollen Aquarien. Im überall reichlich vorhandenen Müll wühlen gescheckte Katzen.

Allerdings finde ich mal wieder erst heraus, wo genau ich entlang gelaufen bin, nachdem ich im Hostel angekommen bin und mich bei Whiskey-Kakao über die Karten lümmele. Denn Straßenschilder sind wirklich selten und das Englisch der Leute auf der Straße ist kaum besser als mein Arabisch. Den arabischen Stadtplan aus dem Tourismusbüro im Flughafen mitgenommen zu haben, erweist sich als hervorragende Idee – mit der Karte im Reiseführer können die Taxifahrer nichts anfangen, mit der chaarta ammaan dagegen schon. Beruhigend ist, dass ich so ziemlich da war, wo ich hinwollte. Eklig dagegen ist der Geruch meiner Kleider und Haare, der mir erst beim Betreten meines Zimmers so richtig auffällt. Das Ladenviertel ist von vielbefahrenen Straßen durchzogen, die Abgase hängen an mir fest. Den nächsten Bummel hier werd ich wohl erst machen, wenn ich wirklich etwas kaufen muss. Idyllisch jedenfalls geht anders, wie erwartet erinnert mich Amman mehr an Athen als an Erfurt.

Auf dem Weg zum dachlia wahida, dem ersten von sieben (eigentlich acht) Kreiseln, entdecke ich aus dem Minibus heraus die Jordan Press Foundation, die Herausgeber der Jordan Times. Sie ist nicht sehr weit von meinem Hostel entfernt, in den nächsten Wochen will ich mich schon mal dort vorstellen. Die neue Wohnung sollte also auf jeden Fall irgendwo hier im Viertel sein. Auf dem Rückweg erkenne ich das Gebäude wieder, genau wie die Moschee hinter meinem Hostel. Mein Brieftaubensuchsystem wird hier wohl auch funktionieren.

Ich begutachte noch den Fitnessraum neben dem Hostel, den ich kostenlos nutzen kann. Dass ich tatsächlich anfange, mich auf solchen Maschinen zu quälen, bezweifle ich allerdings. Der Pool sieht hübsch aus, ob ich fürs Schwimmen Geld ausgeben will, weiß ich aber noch nicht. Zeyna von der Rezeption vertröste ich nochmals, weil ich keine Lust hatte, mitten in der Stadt die 300 Dinar für die Miete abzuheben und durch die Gegend zu tragen. Die Uni scheint mir ein besserer Ort für solche Transaktionen zu seit. Sie lächelt und versichert, dass es kein Problem sei.

Morgen um neun schlägt die Stunde der Wahrheit. Placement test für den Arabisch-Kurs. Ich habe keinen blassen Schimmer, was auf mich zukommt. Eigentlich wollte ich noch mal ein paar Vokabeln pauken, vielleicht höre ich gleich noch mal in meinen Audio-Sprachkurs rein. Ich hoffe, dass mein Wissen zumindest für die zweite Stufe ausreicht.

Das Fliegengitter verhindert übrigens tatsächlich weitere Massaker in meinem Zimmer. Ich liege seit zwei Stunden bei offenem Fenster unter der Neonröhre und habe noch keinen einzigen ungebetenen Gast entdeckt, geschweige denn gespürt. Erleichterung! Auch über die Blasenpflaster, dank derer der Spaziergang heute problemlos beschwingt verlief. ma muschkila, kein Problem ;)

Was ich allerdings nicht verstehe: Seit wann heißt es der Gitter? Die Windowrechtsschreibprüfung besteht nämlich darauf, dass das (Fliegen-)Gitter falsch ist. Wer kann für Aufklärung sorgen? Der Fliegengitter, das Fliegengitter, die Fliegengitter – seltsam, jetzt markiert er keine Version als falsch... Der Rechner wird ja die das-Version ja wohl nicht plötzlich akzeptieren, nur weil ich sie zum dritten Mal geschrieben habe? Wunderwelt der Technik.

Sonntag, 9. September 2007

Angekommen.

Mein Schutzengel hat ganze Arbeit geleistet. Es ist alles so glatt gelaufen, als wäre ich nur mal eben zu meinem Opa gefahren. Jetzt sitze ich bei knapp 25 Grad in meinem female hostel in Amman, neben mir die Plastiktasse mit Schokomilch und einem milden irischen Whiskey aus dem Duty free, im Regal der Weltempfänger mit Beat.Fm und der üblichen Musik, grade eben erst lief Amy Winehouse, überall im Zimmer sind schon Sachen verteilt. Das Zimmer ist teurer geworden als im Internet angegeben, aber ich will ohnehin nicht allzu lange hier bleiben.

Die liebe T. hat mich zum Flughafen gebracht. Ich habe fast ohne Unterbrechung geredet, einen Piccolo getrunken und mit ihr eine letzte Zigarette vor dem Terminal geraucht. Kaum saß ich im Flugzeug, fielen mir auch schon die Augen zu. Nur zum Start riss ich sie noch mal auf, weil ich das Gefühl beim Abheben so gerne mag und es nicht verpassen wollte. Das Essen verschlief ich fast. Während des Nickerchens danach nahm eine der Stewardessen meinen Freitag mit und meine erste gedruckte Ausgabe der Jordan Times. Ich hatte beide nur kurz angeschaut, wollte sie eigentlich später lesen. Aber der Schlafentzug der vergangenen Tage muss wohl Opfer fordern.

Das Essen war hervorragend, es gab Metallbesteck und selbst die Trinkbecher trugen das Krönchen der Royal Jordanien. Die Stewardessen sprachen Englisch und Arabisch und trugen bis auf die Frau in der ersten Klasse rote Kostüme. Die Stewardess der ersten Klasse war die einzige Blondine und steckte in einem scheinbar traditionellen Gewand, später im Flughafen von Amman sah ich sie in der roten Uniform. Nach dem Essen wachte ich erst auf, als der Dutyfree-Wagen durch den Gang schepperte, unter uns tauchte gerade Israel auf. Die Küste, kleine Ortschaften, alles sah sehr friedlich aus. Dann ein Fluss, zerklüftete Berge, eine riesige, hell erleuchtete Stadt. Das kann eigentlich nur Jerusalem gewesen sein. Tiefer und tiefer sank das Flugzeug und plötzlich tauchte im Sand die Rollbahn auf. Es ruckelte und hoppelte und dann standen wir, ich zählte sechs Gates, vermutlich sind es mehr.

Meine Scheu, Englisch zu sprechen, scheine ich vergessen zu haben. Ich texte den Geldwechsler zu, den Passkontrolleur, den Taxifahrer, die nette Frau an der Rezeption. Zwischendrin fehlen mir Worte, Feuerzeug zum Beispiel will mir partout nur auf Französisch einfallen. Dafür streue ich arabische Vokabeln ein, die meine Gesprächspartner allerdings nicht immer sofort verstehen.

Aus dem Taxi luge ich in andere Autos. In einem dicken Geländewagen schminkt sich eine junge Frau auf dem Beifahrersitz und sieht aus, als wolle sie gleich ins Nightrooms oder einen ähnlichen Schuppen mit Dresscode gehen, schulterfrei, tief dekolletiert, sorgfältig in Form gelegte Haare. Den nächsten Wagen lenkt eine ältere Frau mit Kopftuch, ihr Begleiter sitzt daneben. Eine andere junge Frau sitzt mit langen, offenen Haaren allein im Auto, wirkt nachdenklich. Auf den Straßen sehe ich Frauen in T-Shirts, dann wieder klassisch gebundene Kopftücher. Ich finde mich selbst kurz mal doof, weil ich mir vorher so viele Gedanken um meine Kleidung gemacht habe. Letztlich wird aber auch das kein Fehler gewesen sein.

Das Zimmer ist rot und weiß und geräumig, noch steht allerdings ein zweites Bett neben meinem. Zeynat von der Rezeption verspricht, dass es morgen verschwindet, in’scha’allah. Wenn Gott mitspielt, werden auch das Türschloss und der Toilettensitz repariert. Ich bin gespannt. Ein großer Schrank – den darin versteckten Safe könnte ich mit einer Hand wegtragen – zwei kleine Regale, Schreibtisch, Stuhl, Hocker; der Kühlschrank brummt, der Adapter passt in die Steckdose. Allerdings rutscht der Stecker vom Laptop erst mit einem Streifen Tesafilm nicht mehr raus.

Die Universität soll knapp fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt sein. Das wird mein erster Weg morgen. Ein paar Schritte die Straße runter sind ein paar Läden – zwei Supermärkte, zwei Friseure, zwei Telefonläden, ein Bäcker, ein Grill. Ich besorge Wasser, Schokomilch und Kekse. Neben Müllcontainern steht eine winzige Bude mit einem Kaffeeautomaten, daneben zwei Kühlschränke mit Cola und Co. Der Kaffee ist gut, ich werde in den nächsten Wochen wohl Stammkundin werden.

Das neue Geld verwirrt mich noch, die Scheine sind zu groß für meine Geldbörse. Zum Glück habe ich lange vor dem Abflug eine anderes Täschchen gekauft und es mitgenommen, obwohl ich nicht genau wusste, wofür ich es benutzen würde. Die Männer an den Kassen amüsieren sich über mich, aber ich glaube, sie geben mir richtig raus.

Vor den Läden sitzen junge Männer, unterhalten sich, schauen mir nach. Ich vermeide Blickkontakt und werde auch nicht angesprochen. Ich hoffe, dass ich mich bald auch nicht mehr daran störe, beobachtet zu werden, wenn ich allein durch die Straßen streife.

Samstag, 8. September 2007

Ich sitze im Zug. Der Himmel ist grau und manchmal bleiben Regentropfen an der Scheibe kleben. Die Wohnung ist aufgelöst, die Schlüssel übergeben. Es ist nicht so, dass ich vergessen hätte zu schreiben. Immer wieder hatte ich Sätze im Kopf, von denen ich dachte, dass ich sie festhalten müsste. Aber vor die Entscheidung zwischen Schreiben und Schlafen gestellt, entschied ich mich für den Schlaf.

Es ging jetzt alles so schnell, ich fühle mich nach gar nichts. In den vergangenen drei Tagen stand ich immer mal wieder nah am Wasser und fragte mich, was ich da eigentlich gerade tue. Ich will tun, was ich tue. Doch von Zeit zu Zeit zweifle ich, dass ich kann.

Ich glaube, an alles gedacht zu haben. Dabei sind mir längst schon Dinge eingefallen, die ich vergessen habe. Bisher war nichts wirklich Wichtiges dabei.

Möbel, Bücher und der ganze Rest sind in Müllsäcken und Kartons verpackt und in einem feststehenden Container gestapelt. Eigentlich sollten die großen Möbel mit Planen abgedeckt werden, doch bei beiden Fuhren vorgestern hatten wir die Planen in der Wohnung vergessen. Also kamen sie erst mit dem Putzzeug und den aussortierten Reisesachen gestern nach R. und wurden von J. mit einem Besenstiel und viel Geduld über alle Ecken gezogen – die praktischen Seiten großgewachsener Freunde.

Bis zuletzt standen die Reisetaschen in der Wohnung. Auch das Modem habe ich erst im letzten Moment ausgestöpselt und dann noch fast das Telefon vergessen. Die letzte Nacht in Dortmund schlafe ich bei meinem Kater. Auch bei dem Mini-Umzug um zwei Ecken habe ich Hilfe, muss nicht allein durchs Viertel rumpeln. Der Pelz liegt irgendwann nachts neben mir, am nächsten Morgen schaut er von der Couch auf mich herunter. Ich wünschte, er würde sich ein bisschen mehr wie ein Hund verhalten, freudig auf mich zu laufen, um mich herum scharwenzeln, mir nicht von der Seite weichen. Er macht mir den Abschied leicht, weil er keinen nimmt.

Ich bin ganz überwältigt von der großen Zahl helfender Hände. Packen, stapeln, schleppen, schrauben, putzen – nichts davon muss ich allein tun. Natürlich tue ich vieles selbst, das sortieren und wegwerfen kann mir niemand abnehmen genau wie das Denken. Meine Hände sind zerschrammt, jeder Finger tut weh, die Handcreme zieht in Rekordzeit ein. Immer mal wieder bricht Hektik aus, manch schöner kleiner Plan klappt nicht und manche Dinge tue ich einfach nicht mehr. Nichts ist perfekt, dafür ist alles fertig. Die Wohnung ist sauber und leer, die meisten Reisevorbereitungen sind erledigt und ich habe die Muße mit einigen Helfern und anderen Lieben ein letztes Mal im Leib-und-Seele-Laden so zu trinken und zu rauchen, dass ich am nächsten Morgen mit einem dicken Kopf aufwache.

Die Sachen für die Reise standen die gesamte letzte Woche in zwei offenen Kisten, die immer voller wurden, am Abend vor der Wohnungsräumung flogen die Klamotten in einen blauen Müllsack. In der sauberen und leeren Wohnung fing ich an zu sortieren, nochmals auszumustern; ein paar Shirts, Hosen, Socken, die Akkuladegeräte, das Zigarrenschachtel-Backgammonspiel. Wenn ich jemanden zum spielen treffe, dann wird sich auch ein Brett finden lassen. Am Ende sind die Taschen voll und können nur noch Kleinigkeiten aufnehmen. Karten, Würfel und Bällchen kommen mit, der Weltempfänger lag auch lange auf dem Vielleicht-Stapel – wenn ich damit wieder keine Deutsche Welle reinkriege, wird er verschenkt oder verkauft. Kabelsalat, Besteck und Tupper, eine Notfall-Beutelsuppe und B. schenkt mir beim letzten Treffen noch ein paar Instantkaffee-Päckchen. Apotheke und Sanitärabteilung, ein paar Arabisch-Unterlagen, englische Reclam-Heftchen. Die Garderobe verteile ich tatsächlich so, dass eine der Taschen verloren gehen darf – zumindest für ein paar Tage. Ich staune über mich. Dafür habe ich meinen Hausarzt nur noch mal kurz angerufen, den Zahnarztbesuch konsequent vergessen und irgendwelche Briefe werden sicher doch im falschen Briefkasten landen.

Alles ist gestopft, gedrückt, gepresst und meist mehrmals gedreht und verschoben. Die Taschen sind so schwer, dass der Taxifahrer mich fragt, wie ich alles transportieren will. Ich lächle und beginne mich zu beladen. Erst der leichte Rucksack vorne, in dem Teile der Apotheke, noch ein paar frische Klamotten, die Zahnbürste stecken. Dann der große Rucksack hinten. Die Laptop-Tasche auf die Reisetasche gestellt, die Träger um die Stange gewickelt. Und dann los. Der linke Arm scheint deutlich schwächer als der rechte, schon nach ein paar Metern denke ich, dass nichts mehr geht. Alles brennt. Ich unterschätze ständig meine neuen Ausmaße, schubse jemanden auf der Rolltreppe und bleibe im Zuggang so hängen, dass die Isomatte sich löst.

Mir fällt wieder auf, wie wichtig unsere gemeinsame Sprache ist. Ich kann den Raucher vor dem Bahnhof nicht nur fragen, ob er mir an der hohen Kante mit der Tasche hilft, sondern auch bitten, doch eben noch die Träger transportsicher zusammen zu klipsen. Immer wieder habe ich mich in den vergangenen Tagen gefragt, wie viel Zeit ich wohl für all die Erledigungen gebraucht hätte, wenn ich meine Wünsche auch noch in einer fremden Sprache hätte zusammen stolpern müssen. Mehr, ist die einzig mögliche Antwort.

Dienstag, 4. September 2007

Zwischenzeitlich habe ich das Gefühl, alles wächst mir über den Kopf. Der Anhänger ist doch nicht zu haben. Zur Vertragsunterzeichnung in der Staatskanzlei komme ich zu spät. Die Leute in der Stadt laufen zu langsam. Ich habe Lust, jemanden zu verprügeln; ein Sandsack würde es sicher auch tun.

Warum der Laptop den MP3-Player nicht erkennt, können mir die Männer im Technikkaufhaus nicht erklären. Der Uhrenmann verlangt ein Lächeln für seinen Service, das Pärchen hinter mir kichert schadenfroh. Nur der Schlüsselmann und die Frau im Fotoladen sind freundlich. Jetzt besitze ich ein Abus-Vorhängeschloss für den Container und „brave“ Passfotos für die Reise.

Ein großer Teil der Küche ist eingepackt, C. kam mit Dampfnudeln, die sich als Hefeklöße herausstellten, und half mir auch nach dem Essen. Gwendolin, das aufblasbare Krokodil, das bisher im Badezimmer wohnte, wehrte sich beim Einpacken, aber sie hatte keine Chance. B. kam mit kleineren Kartons, jetzt sind auch die Ordner mit Steuerkram, Versicherungen und Unikram verpackt. Ich hoffe, alle wichtigen Unterlagen herausgekramt zu haben. Eine Kiste mit ganz aktuellen Sachen steht offen und übervoll neben dem Schreibtisch. Und in jedem Raum lauern noch Gegenstände, die in Kisten wollen, direkt neben den Kandidaten für den Müll.

Der Haufen mit den Dingen für die Reise wächst bedrohlich. Ich werde noch mal aussortieren müssen, aber auch das gehört ja zum Packen. Mit meiner Garderobe bin ich endlich zufrieden, ob sie sich bewährt, werde ich sehen. Sogar ein Care-Paket mit Hygieneartikeln – ein Satz, der eigentlich nur Frauen betrifft – hab ich gepackt und C. in treue Verwahrung gegeben. Beim Sichten der Reiseapotheke fühlte ich mich wieder ein bisschen übergründlich. Dass ich die Halskrause, die ich fein säuberlich verpackt im Schrank fand, tatsächlich mitnehme, bezweifle ich doch stark.

Die Zahl der Umzugshelfer wirkt plötzlich wieder ausreichend. Die klaffenden Lücken in den Regalen beruhigen mich. Dass ich zwischen all den Kisten warme, wenn auch chaotische Inseln um Tische und Polster herum bewahre, macht die Leere der Wände weniger schlimm.

Auch heute kein Arabisch. Es ist einfach die falsche Zeit. Noch fünf Tage.

Montag, 3. September 2007

Ich habe fast zwei Stunden mit der Suche nach meinem Ticket verbracht. Es lag seit Monaten auf meinem Schreibtisch, sicher vergraben zwischen Telefonnummern, Postkarten, Briefen und Fotos. Gestern hob ich den Schatz. Heute konnte ich mich nur noch erinnern, den schlichten Briefumschlag auf den Tisch gelegt zu haben. Die Stelle war leer, als ich auf das Ticket schauen wollte. Ich durchsuchte die nähere Umgebung, das Altpapier, schließlich sogar Kisten, die wir gestern gepackt hatten. Beim vierten Karton fiel der Groschen. Das Ticket lag bereits da, wo es hingehört – neben dem Pass.

Manche Dinge räume ich mehrmals hin und her, bis sie endlich in den Kisten verschwinden können. Die Wände sind jetzt fast blank. Das große Bild über dem Bett hängt noch, genau wie die Kalender, das Krokodil im Bad und das Feel good-Schild über der Tür. Sämtliche andere Deko ist in Kisten und Ordnern verschwunden. In die Küche bin ich noch nicht vorgedrungen.

Stattdessen habe ich endlich meine Reisekrankenversicherung abgeschlossen, einer Freundin bei einem Text geholfen, mich zwei Stunden lang über die Sprachförderung in Kindergärten unterhalten, während eines Regenschauers mit einer zufällig gerade vorbeilaufenden Freundin Bratwurst gegessen und auf der Jagd nach einer Hose die Kinderabteilungen der Kleiderhändler durchforstet.

Während ich durch die Kaufhäuser streife, durchfährt mich kurz das Bewusstsein, dass ich in wenigen Tagen in einer anderen Welt sein werde. Sicher sehe ich auch hier viele Frauen mit Kopftuch beim Einkauf. Doch einfach durch die Herrenabteilung zu marschieren und die Kabinen dort zu benutzen, weil die bei den Frauen ähnlich wie bei öffentlichen Toiletten chronisch zur Bildung von Warteschlangen neigen, das werde ich mir wohl abgewöhnen müssen. Noch wahrscheinlicher ist es allerdings, dass ich gar nicht erst in Versuchung kommen werde, Männertoiletten oder –anproben zu benutzen.

Die Zeit rast, ich muss jetzt schlafen. al-taks ist das Wetter, al-schams die Sonne, al-matar der Regen.

Sonntag, 2. September 2007

Ich ignoriere den Wodka-Sekt-Kater beim Aufwachen. Koche Kaffee, setze mich an den Rechner, sortiere und packe. Überall Staub, ich wische und niese und bin dankbar für den Handstaubsauger. Ich wasche die Hände so oft wie sonst nie, die Finger sind schon zerschnitten vom Papier.

B. kommt vorbei, schaut nach Fahrradteilen im Internet. Wir besprechen den Umzug in den Container, er wird den Wagen fahren. Zum ersten Mal einen Kleintransporter mit Anhänger zu lenken, muss ich nicht jetzt ausprobieren. Irgendwann vielleicht.

Donnerstag wird die Wohnung leer geräumt. Ich habe entschieden. Freitag putzen und Reisetaschen packen, wahrscheinlich noch Pflanzen durch die Gegend fahren und den Schlüssel übergeben. Samstag bei Frankfurt am Main, Sonntag ins Abenteuer. Eine Woche noch.

Die Katzensitter kommen Abends vorbei, nehmen ein Regal mit, helfen Kisten packen. Danach ist die Wand fast leer. Der Anblick frappiert mich. Dass die Fotos der liebsten Wegbegleiter nicht mehr neben dem Spiegel hängen, war bereits seltsam. Durch die leer aufragenden Regale neben den aufgeschichteten Kartons wird die Nähe des Aufbruchs noch sehr viel wirklicher.

Der Kater hat Schonkost bekommen. Einen Tag lang lag er apathisch herum, wollte nicht fressen, wollte nicht spielen, wollte nichts, nur seine Ruhe. Frisches Fleisch, so ein Tipp aus dem Internet, war natürlich nicht im Haus. Also ging die Katzenmama auf Zeit durchs Viertel, landete in einem Imbiss und bekam ein Putenschnitzel geschenkt für die „kranke Katze“. Den Reis ließ er liegen, die gebratene Pute verschwand erst nach mehreren Anläufen in seinem Magen. Bevor ich die neue Wohngemeinschaft verließ, war er wieder ganz er selbst. Die Augen klar, das Fell glatt, die Tatzen flink bei der Jagd nach dem roten Stofffetzen.

Morgen muss ich telefonieren, mit potenziellen Umzugshelfern und Autovermietern. Ein Interviewtermin im Kindergarten steht noch aus, bei der Post bin ich mittlerweile Stammgast. Die Küche muss ich noch einpacken, dann sind die größten Brocken geschafft.

Ich wollte die Wochentage nachschlagen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Zwar war sogar mein Arabisch-Helfer zu Besuch, doch wir haben kein Wort Arabisch gesprochen. Stattdessen korrigierte ich seine Hausarbeit, bekam dann Hunger und musste unser Treffen dringend abbrechen. Die fünfzehn Minuten Schlummer nach dem Essen waren unbezahlbar.

Samstag, 1. September 2007

Ich bin sehr betrunken und habe mich jetzt schon siebenmal verschrieben oder mehr.

Am Morgen habe ich geschlafen, gemächlich den Tag begonnen, im Internet und zwischen den Kisten. Eine Freundin brachte den vermissten Akkubohrer und stöberte auf meiner Festplatte. Der Vermieter und die beiden Pauls tauschten ihre Daten in meinem Wohnzimmer aus, während ich den geliebten Beutel flickte, damit er das Kabelchaos aufnehmen kann. Einzig die Spülmaschine nehme ich mit, der Rest der ehemals weißen Ware bleibt hier. Sogar den Fernseher lasse ich im Keller zurück, für den langen Paul.

Staubmäuse, sobald ich ein Teil von der Wand abrücke. Ich kämpfe dagegen an, es juckt trotzdem in der Nase. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Altpapier, Mülltüte, noch Verwendbares, Papier, immer wieder Papier in allen Variationen. Lose Zettel, Skripte, Bücher, Müll. Ich vergesse die Zeit und wache doch rechtzeitig wieder auf. Räume die getrennten Berge aus dem Weg und wasche den Staub ab.

Mit zwei Pflanzen zu einer Freundin, mit einem Berg Kartons zurück. Sie hat ihre Tochter auf dem Arm, drei Monate alt und etwas unleidlich, schon den ganzen Tag. Der Papa sitzt im Wohnzimmer, wirkt müde und starrt in seinen Laptop. Ich bleibe nicht lang, obwohl das Auto bis Mitternacht gebucht ist. Der Zeitpunkt ist der denkbar ungünstigste.

T., die liebe T., wird mich in meiner letzten Nacht beherbergen und helfen, meine Taschen zum Flieger zu tragen. Wir freuen uns beide.

Der Kater, der arme Schatz, ist krank, höre ich am Telefon; mit Dünnschiss und Kotzerei in der Ecke rumliegen und seine Ruhe haben wollend. Ich sollte froh sein, dass ich gerade keine Rücksicht auf ihn nehmen muss. Das schlechte Gewissen zwickt mich trotzdem, genau wie die Sehnsucht.

Ich begrüße C. mit „Sekt macht müde Mädchen munter“, sie wirft mir dafür Handküsse zu. Wir leeren die Flasche, sprechen wieder über Männer, über die wir eigentlich längst nicht mehr sprechen wollten. Wir gehen aus, in den Leib-und-Seele-Laden, das mutmaßlich letzte Mal vor dem Abflug. Warum eigentlich muss ich jeden Abschied derart bewusst begehen? Nicht, dass ich sie zelebrieren würde. Manchmal fällt es mir hinterher auf, dass ich etwas zum letzten Mal getan habe, dann wieder genau währenddessen, meist habe ich vorher keine Vorstellung von den Dingen, die passieren werden.

Der Abend endet mit C., einem Bekannten und einer Wildfremden. Sie tragen die leeren Umzugskartons in meine Wohnung, die ich am Abend im Flur stehen gelassen hatte. Wir sitzen in meinem geschrumpften Wohnzimmer, trinken Bier, Wodka und Pfefferminztee. Reden, lachen, sind neugierig, spielen ein bisschen – nur das natürlich, was wir sein wollen.

Der Verbenzettel fällt seit heute andauernd auf den Boden. Ich kann sie noch immer nicht alle. karasa – er saß, akala – er aß, fa’ala – er tat, thahaba – er ging, thahaba fi al-naum – er ging schlafen.

Freitag, 31. August 2007

Ich habe einen Nachmieter gefunden. Zwei sogar, zweimal Paul. Künftige Maschinenbauer aus Schwerin. Mein Vermieter hat nur Interesse an der schnellen Unterschrift, sich aktiv um etwas kümmern will er am liebsten gar nicht. Mir ist es egal, sie werden so gut ins Haus passen wie ihr Konkurrent, der 20-jährige angehende Logistiker.

Die halbe Bücherwand ist verpackt. Der Kleiderschrank fast leer. Geliehene Dinge kommen in Tüten, Reiseschnickschnack in einen großen Korb. Die Plastiktüten gegen den Container-Mief und das Klebeband waren überraschend teuer.

Bei T. konnte ich heute schon mal üben, wie es ist, Dinge aus Wohnungen heraus und Treppen hinunter zu tragen. Gelbe Säcke mit Klamotten, Stoffbeutel mit Geschirr und anderen Fundstücken, eine kleine Kiste und anderes Gedöns. Die größeren Kisten vermochte ich nicht mal anzuheben. Der einzige Termin, der T. drückte, war das Fußballspiel um 18 Uhr.

J. bot an, auch bei meinem Umzug zu helfen. Damit hätte ich vielleicht genügend Leute zusammen, ich muss morgen noch mal telefonieren. Ein Vito kostet knapp 85 Euro, B. kann einen Anhänger besorgen. Dann könnten wir alles in einem Rutsch fahren und vorher noch Sperrmüll wegbringen. Ein Traum! Würde wahr. So leicht kann das manchmal sein…

Auch sonst löst sich vieles in Wohngefallen auf, was mir noch vor ein paar Tagen Magenschmerzen bereitete. Doch wahrscheinlich war es genau diese Aufregung, die mich so schnell zurück nach Hause trieb, zum Aufbau der Kartontürme. Vier Türme stehen schon, am Ende wird vermutlich in jedem Karton mindestens ein Buch sein. Der Gedanke gefällt mir. Ich habe das Gefühl, schon viel geschafft zu haben. Dass ich fast entspannt in den Flieger steigen werde, ist heute deutlich wahrscheinlicher geworden. Dennoch ist noch viel zu tun, zu besorgen, zu erledigen. Ich hab zu wenig Kartons, muss weitere Pflanzenasyle bestücken, die Küche bruchsicher einpacken; dazwischen noch ein wenig Arbeit hier, Uni da, Stipendium dort.

Der Kater wäre die ganze Zeit im Weg und zudem zuerst irritiert und dann angep*sst von all den Umbauten. Es ist gut, dass er nicht hier ist. Auch wenn ich seine Wärme an meinen Beinen vermisse.

Und die Sprache? laa ’arif al-lura al-arabia – ich kenne die arabische Sprache nicht. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt…

Mittwoch, 29. August 2007

Ein Reisetag; zurück nach D. um das Umzugschaos endgültig zu entfesseln. Ich weiß jetzt, wie schnell man wichtige Kabel vergisst. Die Lektion wird umso wichtiger, je weiter die Reise geht und je mehr Geräte dabei sind. Warum die einzelnen Teile nicht zusammen passen, nicht ein, zwei Kabel ausreichen, würde ich wohl gern ergründen. Allein: An eine sinnvolle Antwort glaube ich nicht. Vielmehr daran, dass niemand außer den geplagten Verbrauchern sich darüber Gedanken macht. Oder noch schlimmer: Absicht dahinter steckt und brave Immer-die-gleiche-Marke-Käufer belohnt werden, weil bei ihnen alle Teile zusammenpassen, wenn sie auch immer schön die neuesten Modelle nachrüsten. Schnäppchenjäger wie meinereiner dagegen brauchen ein Stromkabel für das MD-Gerät, eins für die Digi-Akku-Ladestation, eins für die Hub, eins für’s Handy, eins für’s Laptop. Über die Verbindungskabel zwischen den Teilen hab ich noch gar nichts gesagt…

Als ich aufwache, höre ich den Fernseher. Ich mache das Bett sehr ordentlich, decke es mit dem Überwurf ab. Gehe runter, setze Kaffee auf und gehe duschen. Danach packe ich alles zusammen, mein Opa holt das Mittagessen. Ich räume noch ein bisschen auf, gehe auf den Friedhof, um eine zu rauchen und den beiden Steinen „Auf Wiedersehen“ zu sagen, setze mich noch mal mit vor den Fernseher. Die Neigung bei wichtigen Terminen zu früh zu kommen, habe ich wohl von meinem Opa – so wie die Tierliebe und die Schweigsamkeit. Eine halbe Stunde vor der Zeit setzt er mich am Bahnsteig ab.

Ich finde die Wartezeit nicht schlimm; die Sonne scheint und ich kann meinen Gedanken nachhängen. Zumindest erwarte ich das. Ich hab meine Tasche noch nicht abgestellt, da werde ich über die Gleise hinweg angesprochen. Der junge Mann in Blaumann und reflektierender Weste steigt durch den Schotter und über die Schienen; er arbeite bei der Bahn und dürfe das. Ich denke nicht weiter als an eine nette Unterhaltung, er kommt recht schnell zur Sache. Süß sei ich, kaum größer als seine Ex-Freundin, an der er nicht mehr hänge – natürlich nicht. In seinem Leben passiere nicht viel, selbst die Eltern, in deren Haus er wohnt, sehe er nicht täglich. Ich soll ihm schreiben, einmal im Monat einen Brief und jede Woche eine Postkarte. Er sei treu, manchmal zu sehr, und wenn ich es ihm beibrächte, würde er auch Wäsche waschen. Wenn ich ihn besuchen würde, dann wolle er mich mit sechs roten Rosen erwarten, die siebte, eine gelbe, zwischen den Zähnen. Dann wechselt er zurück auf seinen Bahnsteig, wieder mitten durchs Gleisbett, um in den Zug zu steigen, „der mich aus deinem Leben reißt“.

Und wieder mal frage ich mich, warum solche Charmeoffensiven nie von denjenigen kommen, von denen man sie sich wünscht. Und wie es wäre, wenn sie doch aus der gewünschten Richtung kämen. Ob man Rosen und Worte dann annehmen würde und endlich wieder schmachtige Liebesbriefe schreiben könnte, wie ich es das letzte Mal vor über zehn Jahren tat? Oder doch Reißaus nähme, weil nur das Unerreichbare interessant ist?

Verliebt war ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Hingezogen ja, das fühlte ich mich zu dem einen oder der anderen. Doch die entscheidenden Schritte fehlten, von mir und den anderen. Als hätten wir Angst vor der Mühe, warteten auf eine noch bessere Gelegenheit, wollten liebgewonnene Angewohnheiten nicht aufgeben, uns einfach nicht einlassen. Zwischendrin verfange ich mich in Träumen, fantasiere mich in vertraute Szenen – Aufwachen nach einer Nacht mit wenig Schlaf, ein gemeinsames Bad an einem verregneten Sonntag, Händchen halten beim Gang durch die Fußgängerzone – und fühle mich schrecklich banal. Schon wieder so lange ohne jemanden, der mich lieben will und darf. Ich sollte doch nun gelernt haben, dass es einen nicht umbringt, keine Beziehung zu führen. Und dass meine Träumereien nichts zu tun haben mit dem, was eine Beziehung tatsächlich ist: Zuerst Unsicherheit, dann Nähe, dann Langeweile – und immer die Hoffnung, dass alles sich bessert mit den verstreichenden Tagen. Nichts ist perfekt, nichts ist einfach, nichts ist klar; war es nie und wird es nie sein. Ich habe verlernt, an glückliche Beziehungen zu glauben. Auch wenn ich das nie zugeben würde.

Ich fahre Zug und es ist nichts anderes zu tun als über diesen Verlust zu grübeln. Ich führe mein kleines, glückliches Leben. Kenne Menschen, die mich mögen. Kenne Menschen, die mich lieben. Habe Pläne, Zeit und Geld. Kann alles tun oder alles lassen. Muss keine Rücksicht nehmen, aber auch keine Entscheidung ganz allein treffen. Werde begrüßt, wenn ich komme. Werde vermisst werden, wenn ich gehe. Werde besucht, wenn ich rufe.

Hier fehlt doch nichts, sage ich mir ein ums andere Mal.

Manchmal glaube ich mir das. Dann wieder ist es die größte Lüge, die ich je denken werde.

Ich nehme zur Kenntnis, wie viele meiner Freunde und Bekannten Beziehungen führen. Bin froh, dass Neid und Eifersucht mich nur selten plagen, ich sie ohne Herzstiche beobachten kann, ihre zärtlichen Blicke und vertraulichen Gesten, ihre selbstvergessene Abgeschiedenheit inmitten lauter, wogender Mengen. Ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis für mich wieder ein richtiger Zeitpunkt kommt. Ein Moment der offenen Augen und Ohren, in dem niemand über Pro und Contra, über Schmerz oder Vertrauen nachdenken und niemand Spielchen spielen wird. Und dann fällt mir wieder auf, wie naiv das ist. Weiß ich das nicht besser?

Im Leipziger Bahnhof wollte ich gerade die Tasche schultern, um die Treppen zum Fahrkartenschalter hinunter zu laufen. Eine ältere Frau griff von hinten nach dem zweiten Henkel. „Na kommen Sie schon“, wehrte sie meinen Protest ab. Erwartete scheinbar weder meinen Dank noch meine guten Wünsche. Ein richtiger Zeitpunkt? Ohne Hintergedanken? Unten angekommen, drehte sie sich zu lächelnd zu ihrem langsamer folgenden Begleiter um. Wollte sie mir helfen oder ihm etwas beweisen? Es macht keinen Unterschied für meine Tasche und meine Knochen. Einzig mein rotierendes Hirn hat Interesse an einer Antwort, die vermutlich nicht mal meine Helferin geben könnte. Auch Altruismus sorgt schließlich für die Ausschüttung von Glückshormonen.

Die Welt ist gut, die Welt ist schlecht. Und schließlich ist doch alles überbewertet und das Glück nie wirklich dort, wo man selbst ist.

*hunderteurofürdiephrasenkasse*

Dienstag, 28. August 2007


Wir haben Äpfel geerntet. Mein Rauchplatz ist jetzt voll vom Duft frischer Äpfel. Manche von ihnen sehen aus wie gemalt, alle sind sie klein. Auf der Suche nach einem Weidenkorb stoße ich im Zwischenboden der Scheune auf alte Holzkisten, voll von Spinnweben und Staub. Ich finde einen Besen aus Reisern, trotzdem staubt es noch in Wolken, als ich die Kisten auf die gestapelten Holzscheite fallen lasse. Die Leiter scheine ich noch aus Kindertagen zu kennen; über einen vorstehenden Pfosten gelehnt, steht sie ganz sicher. Noch ein paar Mal hoch und runter und ich fühle mich wieder flink wie ein Zicklein.

Die Mahlzeiten diktieren den Rhythmus meines Großvaters. Eine Viertelstunde vor der Zeit hat er den Beutel mit Topf und Geldbörse gepackt, um sich dann noch mal ungeduldig in den Sessel zu setzen und mit Blick auf den Fernseher darauf zu warten, dass er endlich zum Metzger gehen und sein Essen holen kann. Auch nach Kaffee mit Kuchen und Abendbrot könnte man wohl den Wecker stellen, dazwischen steht er mal am Tor, hält ein Schwätzchen mit den Nachbarn, dreht eine seiner Runde. Die am Nachmittag fällt heute aus, der Äpfel wegen. Die meiste Zeit jedoch läuft der Fernseher, ein bisschen Talkshow, dann Gerichtsshow, später Tiersendungen, eine Quizshow, Mr. Bean und ein Dokumentation über eine Reise durch Nordkorea. Wir reden nur wenig. Mehr scheint weder nötig, noch möglich.

Ich kämpfe mit der neu gekauften Technik. Als ich die Bildbibliothek von Microsoft testen will, die schon installiert ist, stürzt der ganze Rechner ab. Dann stelle ich fest, dass der MP3-Player scheinbar zuviel Strom braucht. Auch mit aktiver HUB zwischen Rechner und Musikspieler erkennen sie sich gegenseitig nicht. Eine andere Erklärung kann ich nicht finden. Unglücklicherweise habe ich sämtliche Musik-Dateien automatisch gelöscht, als ich die Aufnahmefunktion testen wollte. Dass ich zumindest beim Schreiben weiterhin Musik hören kann, weil der Laptop ja auch einen Audioausgang hat, finde ich mindestens faszinierend und in jedem Fall praktisch.

Sonst passiert nicht weiter viel. Ich verlasse Hof und Garten nicht. Ein weiterer Nachmieter ruft an, der andere Teil meines deutsch-arabischen Sprachtandems meldet sich. Es steht noch eine Hausarbeit aus. Zum Arabisch sprechen sind wir schon länger nicht mehr gekommen. Der neue Bruno tollt den ganzen Tag bei uns herum, sitzt einmal leicht verzweifelt oben im Baum und schafft es mit unseren Anfeuerungsrufen dann doch selbstständig wieder nach unten. Ich drehe ein Video mit ihm und dem Band meiner Kameratasche.

Ich verstehe, warum der alte Mann den ganzen Tag in den Fernseher schaut. Ich wünschte, er hätte mein Vorschlag mit dem Hund aus dem Tierheim angenommen. Ich bleibe sitzen, schaue ebenfalls hin, höre zu und spüre das Gift. 24 Stunden lang die Möglichkeit, den Gedanken anderer zu folgen, statt sich selbst welche zu machen. Mein Fernseher steht seit acht Monaten im Keller. Ich vermisse ihn nicht und spüre in Anwesenheit einer flimmernden Kiste doch immer noch diese starke Anziehung.



Montag, 27. August 2007


Mein Bruder wirft sich auf mich zum Abschied. Ich bin längst nicht wach. Hatte mir doch gerade erst fünf weitere Minuten Schlaf erbeten. Er trägt den sauberen Blaumann, den ich gestern im Bad entdeckt hatte. Ich schaue ihm nach, koche dann Instant-Kaffee, packe die Reste, dusche. Lese die 15 Goldenen Regeln seiner Schreibschule und schreibe ihm eine der Karten, die ich aus dem Internetcafè mitgenommen hatte.

Die rollende Tasche ist perfekt, auch wenn ich sie ehrlicherweise nicht allein ins Gepäcknetz befördern kann. Ich hab’s versucht! Wenn jetzt nicht doch noch was reißt, war sie ein guter Kauf. Der Daumen ist abgeschwollen, seitdem ich die Stelle mit einer Injektionsnadel aufgestochen habe. Die Nadeln stammen noch von unserer Reise in den Jemen. Für den Fall der Fälle, der dummen Zufälle, der schlimmen Unfälle, hatte uns ein Mediziner gesagt, sei es doch in Ländern mit schwacher medizinischer Infrastruktur sinnvoll, eigene Nadeln dabei zu haben. Das leuchtete uns ein. Dabei hatten wir das Päckchen mit Nadeln und Infusionsschläuchen natürlich trotzdem nicht immer. Meinen Daumen jedenfalls zieren jetzt zwei harte Stellen mit jeweils einem roten Punkt in der Mitte. Interessiert das jemanden?

Im Leipziger Bahnhof frage ich nach meinen Rückfahrmöglichkeiten. In einer fremden Sprache hätte es sicher länger gedauert. Ich kenne den Bahnhof, habe ihn wieder kennen gelernt und bin doch immer wieder überwältigt von seiner Größe. In der Bahn liegt ein Leseexemplar einer lokalen Tageszeitung. Netter Service. Die Lektüre, die sich ja doch meist in der Kenntnisnahme der Überschriften erschöpft, reicht gerade aus bis zum Heimatdorf meiner Großmutter.

Mein Opa steht schon am Bahnsteig, rauchend, in Jogginghosen. Wie steigen in den alten Renault. Ich brauche mich doch nicht anschnallen, protestiert er, als mein Gurt, ohne dass ich darüber nachdenke, einrastet. Er fährt sicherer als beim letzten Mal. Das alte Haus trägt frisches Grün, schon seit dem vergangenen Jahr. Im Untergeschoss hat in diesem Sommer einer der Nachbarn renoviert. Die Türrahmen sind wieder weiß, in der kleinen Stube rankt Efeu auf der Tapete. Darauf die alten Bilder, fast verblichen, eines mit Wasserflecken. Ich gewöhne mich langsam an den Anblick der Schrankwand in der guten Stube, dem großen Wohnzimmer, die die schweren, dunklen Holzschränke ersetzt hat, an denen ich mich beim Laufen lernen hochzog. Selbst das Bad sieht nicht mehr so aus, als würde das Wasser nur so durch die Wände rinnen.

Ich gehe Blumen schneiden für meine Mutter. Zupfe ein paar alten Blüten von ihrem Grab und dem meiner Oma. Beide sind übervoll mit lebendigen Blüten und Blättern, frische Blumen stehen in den Vasen. Täglich geht mein Opa seine Runden; hier Blumen gießen gehört dazu. Ich harke den Sand in gerade Linien, das scheint er schon länger nicht mehr getan zu haben. Sonst ist nichts zu tun.

Die Nachbarn haben einen neuen Bruno, vier Monate alt und wie einem Whiskas-Werbespot entsprungen, in hellem Grau und tiefem Schwarz getigert. Er kommt sofort als ich ihn rufe, rauft und lässt sich auf dem Arm herumtragen. Süßes Biest. Der Verkehr auf der Straße vor dem Haus ist wie immer stark.

Ein potenzieller Nachmieter ruft an. Ich telefoniere wegen einem Interviewtermin, lese in meinem Jordanien-Buch. Meine Tante ruft an und ist hörbar irritiert, dass sich eine junge Fraustimme unter dem Anschluss ihres Vaters meldet. Der Fernseher ist überlaut. Mein Opa dreht ihn zwar leiser, wenn ich ihn darum bitte. Doch kurze Zeit später ist er wieder auf gleicher Lautstärke. 83 Jahre ist er alt, seit anderthalb Jahren allein und „es schmeckt wieder“, wie er am Vorabend am Telefon sagte. Ich wünsche, es sei mehr als ein vorübergehendes Aufflackern von Lebenslust.

Die Wörter für „die Mitte von etwas“ im Deutschen, Englischen und Arabischen: Kern, core, ukr.


Sonntag, 26. August 2007


Ich starre auf die weiße Seite. Länger. Feist kommt dünn aus dem Rechner, sechs Meter weiter schläft mein Bruder. Ich kann das nicht in Worte fassen. Wir verstehen uns gut, doch meine ewige Skepsis steht zwischen uns.

*pause*

Dieser Tag ist vielleicht kein Thema für ein öffentliches Tagebuch. Ich will versuchen zu schreiben, als wäre er es doch.

*rauchpause*

Als ich die Augen öffnete, saß er im Sessel und las meine Magisterarbeit. Er sagt nichts dazu. Am Abend vorher wollte er an einer Stelle in der Einleitung wissen, ob ich schreiben musste, was ich schrieb. Ich verneinte.

Ich muss noch etwas schreiben, er setzt sich an seinen Schreibtisch. Er kocht, mildes Curry. hathaa ladiith dschiddan – das ist sehr lecker. Ich lese sein Exposè, wir hören Musik. Essen, schauen ein Video von ihm und seinen Freunden, ich schlafe zwischendrin kurz ein. Er sagt später, er habe es nicht bemerkt. Der Minutenschlaf hat mich erfrischt. Wir gehen los, Internetcafé und Eis essen. Die Sonne scheint nicht mehr so stark, es ist angenehm warm. Wir fotografieren schiefe Häuser, den Dom und uns.

Der Typ im Internetcafé hat soviel Ahnung von den Rechnern, dass er mich die Netzwerkumgebung auf dem Administratoren-Rechner suchen lässt. Das Problem mit dem undruckbaren Bahnticket löse ich nicht, weil ich eigentlich auch keine Ahnung von Computern habe. Aber das Ticket ist auf meinem USB-Stick gespeichert. Und mein Bruder hat zwar keinen Rechner mehr, aber sein Drucker funktioniert.

Er ruft seine Schwester an. Ich bin nicht mit ihr verwandet und doch jetzt verbunden. Sie hat Geburtstag und als er mir das Telefon in die Hand drückt, gratuliere ich artig. Wir tauschen ein paar nette Floskeln und werden uns wohl kennen lernen. Ich reiche das Telefon zurück, sie reicht es weiter an seine Mutter. Sie reden einige Minuten, danach sagt er: „Na, die hätte gerne doch schon jetzt mit dir gesprochen.“ Ich bin froh, dass er mir das Telefon nicht wieder ans Ohr gehalten hat und ich zugreifen musste.

Ich telefoniere mit meinem Opa, kündige mein Kommen an. Er ist überrascht, freut sich, wird mich vom Bahnhof abholen.

Wir schauen einen Bilderbogen auf meinem Laptop an. Der Kater, meist schlafend. Teile meiner Wohnung. Festivalbilder, erst meine, dann seine. Ich muss noch unbedingt das erste Kapitel seines Romans lesen. Immer wieder kam das Heft ins Spiel. Als er es mir jetzt in die Hand drückt und danach seinen Kopf schlaffein auf meine Hüfte bettet, kann ich mich endgültig nicht mehr wehren. Ich habe Scheu, denn die Kurzgeschichte am Abend vorher war furchtbar. Jetzt sind es Kleinigkeiten, die mich stören, auch mal ein ganzer Absatz. Eine phantastische Geschichte, spannend erzählt. Mit Liebe zum Detail, so wie ich meine Fantasy-Bücher liebe. Das Projekt ist groß, er spricht nur halb im Scherz von sechs Jahren. Ich muss mit meinem Urteil warten, wenn mir denn überhaupt eins zusteht. Dabei mag ich doch mein Leben eigentlich nur, wenn es hübsch geordnet ist.

Auch der letzte Satz ist natürlich nur eine halbe Wahrheit. Ich wünsche mir einen Ankerplatz. Einen Ort, an den ich zurückkehren kann. Zum Luft holen oder zum Austoben. Alles sollte dort möglich sein. Doch es soll nur ein Anker sein, ein Teil meines Lebens, nicht mein gesamtes Leben. Wie weit ich davon fortgehe und wie lange, wäre meine Entscheidung. Auch wenn ich hoffe, nie ganz allein entscheiden zu müssen.

„Gute Nacht, mein Schatz“, rief er von seinem Hochbett herunter, leila sa’ida, ja habibi antwortete ich, die Silben noch immer reichlich verstolpernd.



Samstag, 25. August 2007

Ich bin mit meinem Bruder zwei Stunden durch E. gelaufen, ohne unser Ziel zu erreichen. Vielleicht hatten wir auch gar keins. In einen Club vielleicht, tanzen gehen, doch das Angebot im örtlichen Veranstaltungsmagazin war mau gewesen. Eine Eisdiele auf dem Weg hätte eine Sehnsucht befriedigt, stattdessen drückten meine Schuhe bis ich sie auszog. Ins Zentrum auf jeden Fall, Menschen und Häuser sehen, ein Getränk nehmen, zusammen. Wir kamen nicht an, weil wir immer um die falsche Ecke bogen. Ich lief neben ihm her, spürte seine steigende Unsicherheit und wusste keine bessere Reaktion als die Ruhe zu bewahren, selbst zum ersten Mal in der Stadt und orientierungslos. In der Wohnung lag der Stadtplan.

Wir haben die gleichen Züge. Die Winkel um den Mund herum, das Grübchen im Kinn, die Lachfalten an den Augen. Er hat die volleren Lippen, die lockigeren Haare, braune Augen. Ich schaue ihn an und ein paar Mal ist es als sähe ich mein Spiegelbild, ein wenig in die Breite verzerrt und doch eindeutig meins.

Die Stadt ist schön, ich mag die kleinen Häuser, am liebsten die schiefen. Es gibt stinkende Ecken, fast dezent wirkende Plattenbauten und die Touristenmeile um den Dom herum. Die Straßen und Kneipen am Rande der Innenstadt sind fast leer um Mitternacht.

Der Bruder heißt achi, die Schwester uchti.

Freitag, 24. August 2007

Ich hatte schon bessere Tage. Die Arbeit hat Ärger gemacht, der Kater ist ausgezogen und den ganzen Tag kochte ein ekliger kleiner Kessel voll mit Gefühlen wie Überforderung und Hilflosigkeit immer mal wieder über. Dabei ist alles im grünen Bereich.

Der Seecontainer in R. wirkt trocken, stabil und sauber. Der Vermieter ein Original; dicke Plautze im Blaumann, verschärft durch eine prall gefüllte Brusttasche. Die Zähne schief, aber er lacht viel, erzählt viel und lässt sich auch von B.s hartnäckigem Feilschen nicht aus der Ruhe bringen, schenkt mir schließlich eine Monatsmiete. Bei Preisverhandlungen merke ich von meinen arabischen Genen leider nicht viel...

Der Umzug von Freund Leroy läuft ebenso entspannt. Ich leihe den Bollerwagen von J., den wir voll packen mit Katzenstreu und Klo, Sitzsack, Spielzeug und Futter. Oben drauf thront der Pelz im Korb. Guckt durch die Stäbe und gibt kein Tönchen von sich, während wir ihn zweimal um die Ecke und die Straße entlang ziehen.

In der Wohnung kommt er erst raus, als wir ihn rufen. Tapert durch die Wohnung, schnuppert hier, guckt da, ganz entspannt. Nimmt Katzenklo und Futterstelle zur Kenntnis, benutzt sie aber nicht. Die beiden haben extra geputzt für ihn, in den Fensterbänken liegen Kissen bereit. Ich werde zum Essen eingeladen und bleibe gern. Noch ist alles in Ordnung, denn Freunde besucht haben der Kater und ich schon ein paar Mal. A. bringt mich nach Hause, um mir beim Verstauen des Bollerwagens zu helfen. Durchs Fenster winkt J., ich lese auf ihren Lippen „Er mauzt“. Armer Schatz. Auf den Balkon zu gehen und ihn nicht rufen zu können, ist auch ein seltsames Gefühl.

Zu Hause Packen, die neue Tasche, natürlich viel zu voll. Morgen Frühschicht, verlängert wegen der Loveparade. Danach Zug fahren, vielleicht ein bisschen schlafen, lesen, denken bis Erfurt. Mein Bruder schickt ein Foto von sich per Handy: „Fahndungsfoto ;-)“, er grinst von unten in die Kamera. Wir haben scheinbar fast die selber Frisur zurzeit. Seine Augenbrauen erkenne ich als meine wieder.

Es ist kein Wunder, dass heute Tränen kamen. Es ändert sich so viel, so schnell. Das bisschen Traurigkeit über die vielen kleinen Abschiede jeden Tag summiert sich und bahnt sich einen Weg. Das bisschen Angst vor den ungeklärten Fragen und neuen Wegen gibt zusätzlich Druck auf die Tränenkanäle. Ich lass es fließen und fühle mich leichter. Morgen ist ein neuer Tag.

Donnerstag, 23. August 2007


Es war ein kurzer Tag, weil er spät begann. Um sieben ins Bett, um eins aufgewacht. Wasser aufsetzen, ins Bad gehen, Computer anschalten, Kater füttern, Kaffee überbrühen, Nachrichten abrufen und beantworten. Ein sehr alltäglicher Start.

T. kommt vorbei, weil er gestern sein Telefon bei mir vergessen hat. J. stolpert rein, erzählt von den Dreads, die er dem Typ, der grade in seiner Wohnung schläft, macht und von den Drogen, die dieser mitgebracht hat. Ich bin anti, weil ich mich sorge. Nötig ist das vielleicht nicht, denn bisher hilft immer Papa. Ich mache mir trotzdem meine Gedanken um Scheitern und Absturz. Ich verpacke schon wieder Pflanzen und kriege den Monsterkaktus wohl los. In meinem Daumen stecken zwei Stachelspitzen, es fühlt sich ein wenig dick an und tut ein bisschen weh, wenn ich drauf drücke – was bei Daumenspitzen ja irgendwie ständig passiert. Ich hoffe, ich muss nicht in den nächsten Tagen mit medizinischem Vokabular um mich werfen und von lustigen Aufschneid- und Rauspulaktionen berichten.

Ich sortiere Schuhe aus, Klamotten. Dinge, die man mal eben so erledigen will, weil man gerade davor steht. Und die man sonst auf später verschiebt, wenn man mal wieder vor ihnen steht. Und plötzlich ist schon wieder so viel Zeit rum. Ich habe meinen Beitrag fertig geschrieben und abgeschickt. Mich noch mal über umziehende Katzen schlau gemacht und andere Internetbekanntschaften gepflegt. Dann kam Herr A., ein potenzieller Nachmieter. Sein Bierschweiß war so aufdringlich, dass ich kurz darüber nachdachte, ob ich überhaupt mit ihm in einer Wohnung sein will. Zu seinem Pech hatte es zudem gerade heftig geregnet, sein Gesicht war klatschnass. Auf die Idee, ihm ein Handtuch anzubieten, kam ich nicht, so abstoßend fand ich ihn. Was sagt das nun wiederum über meine Fähigkeit zur Nächstenliebe aus? Und will wirklich jemand lesen, wie ich was, wo und wann erledigt habe?

Am Abend gibt A. seinen Ausstand, bevor er für zwei Monate auf die Insel verschwindet, beim Treff mit ein paar Freunden. Ich komme zu spät und doch eigentlich gerade recht. Eine Runde aus Menschen, die sich gut zu kennen scheinen. Ich falle – auch mehr versehentlich – mit meinen Bestellungen aus dem Rahmen. Nur ich hab einen Cocktail, mein Sandwich hat zwei wackelige Etagen und bereitet mehr Probleme beim Essen als ihre überbackenen Toasts. Wir witzeln darüber. Kurz vor Mitternacht verabschiede ich mich, rufe C. an, die mich auch treffen wollte.

Sie lädt mich ein, sagt allerdings nichts von dem Jungen, den ich gleich in ihrer Wohnung treffen werde. Wir sitzen zusammen, rauchen und reden und verstehen uns gut. Nachdem er gegangen ist, sprechen wir noch ein wenig weiter. Die Männer und die Familie – nicht enden wollender Gesprächsstoff. Und oft dreht man sich im Kreis, weil die Wünsche und Sehnsüchte einfach nicht einsehen wollen, dass sie fehl am Platz sind und anderen, unerwartet guten Dingen möglicherweise die Chance stehlen. Nur manchmal macht es vielleicht Klick oder Klack oder Bim und der Kreislauf wird durchbrochen, bis zum nächsten Mal.

al-huub heißt die Liebe. Der Kater liegt neben mir. Zum letzten Mal für lange Zeit; in den vergangenen zehn Jahren waren wir fast täglich zusammen. Ich streichle ihn kurz, er gurrt und dreht sich genüsslich auf den Rücken, schnarchseufzt noch einmal, zuckt mit den Ohren und schläft weiter. Habibi heißt mein Schatz.

Mittwoch, 22. August 2007

Der Umzug hat ein erstes Opfer gefordert. Der riesige Kaktus, den J. gefunden, durch die Nordstadt getragen und mir vor die Wohnungstür gestellt hatte, ist gekippt, gefallen und zerbrochen. Ein Massaker in meinem Schlafzimmer. Ob die Frau, die ihn künftig hegen wollte, ihn jetzt noch nimmt? Die meisten Pflanzen sind schon weg, per Post oder Rad zu den neuen Besitzern.

Der Kater zieht schon Freitag aus. Zu kompliziert zu erklären, aber es ist besser für ihn. Ich werd ihn schrecklich vermissen. Keine warme, atmende Fellkugel mehr nachts neben mir.

Ich hab ein Interview geführt, über die Macherin der ersten multikulturellen Frauenzeitschrift für Deutschland. Habe telefoniert und war eifersüchtig. Habe Pflanzen zerlegt, die meisten tatsächlich absichtlich, und dabei mit B. über Superfrauen, Rennrahmen und Umzugskartons diskutiert. Traf T., den ich lange nicht gesehen hatte, kochte, rauchte und sprach mit ihm und schenkte ihm natürlich Pflanzen.

Er geht auch weg von hier. Im Gegensatz zu mir voraussichtlich für immer. Sein neuer Arbeitgeber ist eine Umweltschutzorganisation, das Geld kommt vom Arbeitsamt. Den Anstoß für diese Entwicklung gab seine Entdeckung, dass andere Menschen noch immer Liebe zu verschenken haben. Er hatte sich verliebt und kam plötzlich in Schwung. Ich dagegen scheine die Liebe zu meiden; suche immer die aus, die ohnehin nicht bleiben wollen, und weise die anderen ab.

Danach noch eine Nachtschicht. Es war so ruhig, dass ich ein paar kostenlose Wohnungsanzeigen im Internet schalten konnte. Dann stürzte ein Betontransporter um und ich hatte doch noch etwas zu erzählen bei der Übergabe.

Ich bin gerade so müde, dass meine Augenlider tatsächlich Halbmast flaggen. Sie werden hin und wieder regelrecht nach unten gezogen und zwar immer dann, wenn ich mich nicht mehr wirklich konzentriere, also fast im Sekundentakt ;)

Eine Frau sagt ana tabaana und meint „Ich bin müde.“, ein Mann sagt ana tabaan.

Dienstag, 21. August 2007

Gerade habe ich meinem Kater mit einem Leckerchen das Leben gerettet. Das ist zumindest ein schöner erster Satz für die folgende Geschichte: Schon im Hausflur hatte mein felider Mitbewohner sich seltsam benommen, aber ich hatte es auf die Spinnweben zurückgeführt, die ihm im Bart und an den Ohren hingen und sicher aus seinem Unterschlupf irgendwo im Hof des Häuserblocks stammten. Es hatte geregnet, den ganzen Abend. So sehr, dass es manchmal aussah, als hielte jemand einen überdimensionierten Duschkopf mit vollem Wasserdruck über uns, wie eine Wand aus Wasserstrahlen. Doch nachdem ich halb gegen seinen Willen die Spinnweben entfernt hatte und er über seinem Fressen stand, tat er es wieder. Zog die Lefzen, das heißt die oberen Lippen, ganz hoch, so dass man seine schönen weißen Eckzähne sehen konnte und wischte mit der Pfote darüber. Ich tippte auf eine Verletzung im Mund, eine Vergiftung gar, denn die Lust auf Fressen verging ihm über den krampfhaften Bewegungen. Des Rätsels Lösung: Ein Knochenstück, wahrscheinlich Huhn; das er auswürgte, nachdem er das Trockenfutterbällchen – mit dem ich ihn eigentlich nur wieder unter dem Bett hervorlocken wollte – halb gefressen hatte. Schön mitten ins Futter rein. Denn mit dem Leckerchen war der Appetit auf das Nassfutter in der Küche wieder geweckt. Es wurde verputzt, dann wurde sich geputzt, dann wurde groß getan, jetzt schläft er zu meinen Füßen, noch nicht ganz entspannt.

Ich habe den Tag damit verbracht, Kleinscheiß zu erledigen. Wohnungsanzeigen an den Unis aufhängen, nach einer Sprechstunde schauen, noch eine Tasche kaufen – für Laptop, Bücher und was ich so den ganzen Tag brauchen werde – Tesa, Kordel, Cutter dazu, Paketklebeband war leider aus. Dann zur Arbeit. Der Chef ruft mich rein und ich bin sicher, dass ich nichts verbockt habe, und trotzdem irgendwie nervös. Ich soll nur länger arbeiten am Samstag. Die Loveparade kommt ins Ruhrgebiet und alle erwarten Andrang und Trubel. Ich bin für Technobeats und Menschenmassen nicht mehr wirklich zu haben seit ich in Berlin fast überrannt wurde und danach erst im Tierpark und dann auf ner merkwürdigen Danach-Party landete. Die mehrheitlich mit Jungs besetzte Runde schaute Videos der Paraden aus den vergangenen Jahren an, gesprochen wurde nicht viel und wenn recht ruppig. Ich blieb, weil ich verliebt war. Irgendwann landeten wir in der Küche und irgendwann dann gingen wir endlich. Die Ruhr-Loveparade wollte ich also eh nicht sehen, stattdessen war ich froh, noch kein Ticket für den Besuch bei meinem Bruder gekauft zu haben.

Ich treffe ein paar Leute, die ich kenne. Wir lachen uns an, freuen uns, haben aber meist schon wieder fast vergessen, was unser Gegenüber beim letzten Mal erzählt hatte. Ich nehme mir wieder vor, nicht mehr peinlich berührt zu sein, wenn sich bei mir solche Gedächtnislücken auftun, und nicht mehr die Augen zu verdrehen, wenn die Leute glauben, dass ich in den Jemen fahre. Denn das ist ja auch alles nicht so einfach. Im Jemen war ich schließlich schon und habe davon erzählt. Außerdem beginnt Jordanien auch mit J. Würde ich nach Ägypten fahren, wäre sicher alles einfacher ;)

Ich bin müde und habe morgen wieder viel zu tun. Arabisch habe ich wieder nicht lernen können. Deshalb heute einfach ein paar Tiere, passend zur Geschichte. Katze – kitta, Hund – kalb, Maus – fuur, Kaninchen – arnab, Hahn – diik, Huhn – dadschidschi, Ente – ba’ta, Esel – himaar, Schaf – dscharuf.

Montag, 20. August 2007

Zwei Tage geschrieben, zwei Tage nicht. Was das wohl über die Lebensfähigkeit meines Blogs aussagt? Jedenfalls sitze ich heute schon mittags am Laptop, damit nicht auch der dritte Tag ohne Lebenszeichen verstreicht.

Das Wochenende war voll mit Menschen. Wir haben geredet, geraucht, getrunken und getanzt, was man halt so macht, wenn man sich nachts trifft. Der Kater hat seine neue Dosenöffnerin kennengelernt. Sie setzte sich sofort auf den Boden und er sich auf ihren Schoß. Perfekt. Und ihre Augen leuchteten wirklich vor Freude. Sicher wird er die ersten Tage leiden; neue Wohnung, falsches Frauchen. Aber irgendwie bin ich sicher, dass er dort das beste Heim haben wird, das ich nur finden konnte. Und Katernews per Internet wurden versprochen ;) Bei einer anderen Freundin haben wir die Fensterbänke mit Grün gefüllt. Meine sind allerdings noch immer bedrohlich voll. Die ersten Kisten sind probehalber gepackt. Die Lageristen werden gleich angerufen. Die Zettel für die schwarzen Bretter der Hochschulen, Kneipen und Supermärkte sind ausgedruckt.

Aus Jordanien kam eine Mail. Eine Telefonnummer zum Deutschen Archäologischen Institut, das bei der Wohnungsvermittlung helfen kann. Ein Zimmer bei einer älteren Frau für 210 jordanische Dinar. Und vielleicht ein netter Kontakt, mit dem sich Zeit verbringen und Arabisch üben lässt. Zeit für die Sprache oder die drei Bällchen finde ich gerade nicht.

Es ist als nähme ich einen Abschied auf Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein wird ohne meine kleine Welt. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich sie sehen werde, wenn ich zurück komme. Aber ich mag das Gefühl.

Es ist so viel zu tun, dass ich jetzt nicht weiterschreiben mag. Vielleicht kommen später noch ein paar Worte dazu.

Achja, die Zahlen von eins bis zehn, weil ich sie im Keller meines Leib- und Seele-Ladens zu lauter Musik aufgezählt habe. Von Null bis Zehn: sifr, wahid, ithnaan, thalata, arba’a, chamsa, sitta, saba’a, thamaania, tisa’a, a’schara – th wird wie das englische th gesprochen, ch wie in machen, bei a’a und co macht man eine winzige Pause zwischen den beiden Buchstaben, die Vokale werden zum Teil kehlig gesprochen, aber diese Darstellung krieg ich noch nicht so richtig hin, zu allem verwirrenden Überfluss unterscheidet sich die Aussprache von Region zu Region…

Freitag, 17. August 2007

Die Entscheidung ist gefallen. Ich ziehe aus.

Telefonnummern für Lagerhäuser hab ich schon. Einen oder zwei Nachmieter zu finden, sollte zum Semesterbeginn so schwer nicht sein. Der Kater darf wohl bei zwei Freundinnen wohnen. Die ersten Pflanzen sind schon verschenkt. Mit zwei Fahrrädern haben wir Minzen und Albizzien, die Streli und den Geldbaum durch de Nordstadt geschoben. Wir waren gerade in der Wohnung angekommen, da brach wieder ein Wolkenbruch los. Seltsames Wetter.

Mit meinem Bruder habe ich heute ausgemacht, dass wir uns am letzten Augustwochenende zum ersten Mal sehen. Danach noch meinen Opa besuchen. Die neue Tasche, für die er mir Geld zugesteckt hatte – so unauffällig, dass ich erst nicht verstand, warum sein Abschiedshändedruck sich wie Papier anfühlte – wird sicher seinen Geschmack treffen. Dann eine Woche für den Auszug und das Packen. Ich muss vorher schon anfangen. Die Bücher füllen eine Wand.

Während C. da war, rief die Jordanien-Koordinatorin von amnesty international Deutschland an. Über die Jordan Times-Journalistin Rana Husseini, der ich wenige Stunden zuvor geschrieben hatte, sagt sie, dass diese großen Anteil an der jordanischen Debatte über Frauenrechte und Ehrenmorde in Jordanien hat. Die Frauenbewegung sei „sehr gespalten“, vor allem die Vertreterinnen im Parlament verweigerten unter anderem die Abschaffung von Paragraphen, die unterschiedliche Strafmaße für den Mord am Ehepartner für Frauen und Männer zulassen, oder die Einrichtung von Frauenschutzhäusern. Sie nennt mir noch andere Namen, will mir E-Mail-Adressen der amnesty-Gruppen in Jordanien schicken.

Weibliche Genitalverstümmelung, sagt sie, gibt es in Jordanien nicht. Die Existenz dieser massiven körperlichen Verletzung von Frauen in anderen muslimischen Ländern wie Ägypten, Marokko, Jemen oder Oman erklärt sie durch den Import aus Schwarzafrika und alte Traditionen. Die Studie des deutschen Vereins WADI im Nordirak, nach dem in einigen kurdischen Dörfern über 90 Prozent der Frauen durch eine so genannte Beschneidung verstümmelt sind, kennt sie nicht. Ich finde es schrecklich, dass ich mich mit diesem Thema beschäftigen muss. So oft ich auch glaube, dass ich für unsoziales Verhalten Erklärungen und damit zumindest in Teilen Entschuldigungen finden kann – hier höre ich auf zu verstehen. Sex mit einer vor Schmerz wimmernden Frau kann doch nicht befriedigend sein. Wie erbärmlich klein und hilflos muss sich jemand fühlen, der aus seiner Macht über dieses Leid Lust gewinnt? Dass vor allem im ländlichen Raum sehr viele Kinder sexuell missbraucht werden, so ein anderer Bericht einer Menschenrechtsorganisation im Netz, berührt mich scheinbar weniger, vielleicht weil es mir fast normal erscheint, weil alle paar Wochen ein Kinderschinder durchs mediale Dorf gehetzt wird. Vielleicht auch, weil der Missbrauch in den meisten Fällen vor allem seelische Narben hinterlässt, der Körper jedoch zu normalem Empfinden weiterhin fähig ist. Entschuldigungen für Pädophilie zu finden, fällt mir jedoch ebenso schwer, mein Verständnis reicht nie für mehr als für Ansätze von Erklärungen.

Gleich gehe ich noch aus. B. und A. treffen sich mit Freunden in einem Laden, in den ich schon seit über einem Jahr immer mal gehen will. Dabei würde ich lieber tanzen und trinken als sitzen und reden, aber die Nacht ist ja noch jung. Es ist kurz vor eins.