Dienstag, 24. April 2012

Ich nehme mir frei, verlasse die Stadt, mit ein paar Freunden im Gepäck.

Notizbuch, kein Laptop. Fotoapparat mit einem extra-gekauften Zweit-Akku aufgerüstet. Leichtes Gepäck, aber nachts wird's frisch und tags braucht's Sonnenschutz.
Kekse, Zigaretten, Aschenbecher und ne Flasche Wein.
Ich freu mich :)

Da geht's hin, 4 Tage:


ich verspreche für danach Fotos und nicht viele Worte.

Noch 5 Stunden.

Samstag, 21. April 2012

Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz.
(Und der Grund für die Verspätung des Posts. Dies kleine Video hochzuladen hat fast 24 Stunden gedauert. Jetzt frag ich mich, ob ich was falsch gemacht habe. Normal ist das wohl nicht, oder?)



Zuvor hatte der Prediger Mazhar Shaheen mit einer ägyptischen Flagge in der Hand zur Verteidung der Ziele der Revolution aufgerufen. Er forderte die Menge, die mit Allah Akbar-Rufen (Gott ist größer) antwortete, unter anderem dazu auf, sich nicht spalten zu lassen und die Revolution fortzusetzen. Dazu gehöre unter anderem, dass Ägypten ein ziviler Staat bleiben müsse, Vertreter des alten Regimes, die so genannten Felul, keine Macht mehr haben dürften, die neue Verfassung nicht unter einem Militärregime geschrieben und die Präsidentschaftswahlen nicht verzögert werden dürften
 
Zur Erklärung: Nachdem die verfassungsgebende Versammlung vom islamistisch dominierten Parlament vor allem mit Islamisten besetzt worden war, hatten die wenigen sekulären und liberalen Kräfte nach und nach ihren Rücktritt aus der Versammlung erklärt. Kurze Zeit später stoppte dann das höchste Verwaltungsgericht das Zusammentreten der Versammlung, die zur Hälfte aus Parlamentsmitgliedern und zur anderen Hälfte aus durch das Parlament nominierten Mitgliedern besteht. Wann die Versammlung, die die neue Verfassung schreiben soll, schlussendlich zusammentritt, ist offen. Diskutiert wird unter anderem, die Präsidentschaftswahlen zu verzögen, bis die Verfassung geschrieben ist, oder aber die Verfassung erst nach den Präsidentschaftswahlen zu schreiben. Derzeit gibt es fast tägliche Treffen zwischen dem Militärrat und den politischen Parteien. Der neue Präsident soll eigentlich im Mai gewählt werden und am 30. Juni feststehen. Eine Verfassung in dieser kurzen Zeit zu schreiben und wie geplant durch ein Referendum von der Bevölkerung absegnen zu lassen, ist kaum möglich.

Besonders laut waren die Allah Akbar-Rufe der Menge auf dem Tahrir allerding als Shaheen den Besuch des ägyptischen Muftis Ali Gum'a in Jerusalm kritisierte. Die Ablehnung einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel scheint weiterhin das Thema zu sein, dass die Ägypter am meisten eint.

Und obwohl der Freitag eigentlich unter dem Motto Einheit stand, hatte doch fast jede politische Strömung ihre eigene Bühne aufgebaut. Ich habe zwar keine Auseinandersetzungen gesehen, aber doch davon gelesen. Und noch heute abend waren die Unterstützer des Salafi Abou Ismail auf dem Tahrir, um gegen seinen Ausschluss aus dem Rennen um die Präsidentschaft zu protestieren.

Zusammenschnitt aus zwei ägyptischen Talkshows zum Thema "Fremdsprachen, Israel und Niederlagen nicht akzeptieren können"

Montag, 16. April 2012

Freitag war ich auf einer Demonstration, organisiert von den Muslimbrüdern, um gegen die Kandidatur des ehemaligen Geheimdienstchefs Omar Suleiman und anderer Vertreter des alten Regimes zu protestieren. Einen Tag später sind Suleiman, sowie der Muslimbruder-Kandidat Khairat Shater, der Salafi Abou Ismail und sieben weitere Kandidaten vorerst raus aus dem Rennen. Ich würde nicht drauf wetten, dass das so bleibt.

Deshalb einfach nur ein bewegter Eindruck von der Demo. Sie rufen "Nieder mit dem Militärregime", "Wir, das Volk, sind die rote Linie" und "Das Volk will den Fall des Regimes"




edit: Und tatsächlich, am Dienstag bestätigte das Präsidentschaftswahl-Kommittee, dass Omar Suleiman, Abu Ismail und Khairat Shater sowie sieben weitere Kandidaten ausgeschlossen bleiben. Speziell die Anhänger des Salafisten tobten vor Wut und wollen ihre Proteste fortsetzen.
Ich setze nach allen Gesprächen, die ich hier so geführt habe, und allem, was ich gelesen habe, jetzt auf den früheren Außenminister und Generalsekretär der Arabischen Liga Amr  Moussa. Aber wer weiß, was noch kommt...

Dienstag, 10. April 2012


Ich müsste euch schreiben, viel mehr schreiben. Ich lebe hier in so spannenden Tagen, Wochen, Monate sind es ja sogar. Aber gerade weil jeden Tag etwas anderes passiert, komme ich einfach nicht dazu.

Die Arbeit läuft. Nicht so wie ich gehofft hatte. Aber ich sehe viel, verstehe manches besser, manches immer noch nicht, stolpere über neue Fragen.

Die Leute in der Staatszeitung, in der ich mich derzeit herumtreibe, sind freundlich, offen, neugierig und beantworten jede Frage, erzählen gern. Obwohl wir an unserem zweiten Tag beinahe rauskomplimentiert worden wären, was sich dann aber doch in Wohlgefallen auflöste. Auffällig ist und bleibt, dass in dem Raum, in dem die Entscheidungen getroffen werden, Frauen nur Gäste sind. Sie kommen herein, besprechen sich mit den Männern, geben ihre Artikel ab und manchmal Widerworte. Aber keine bleibt, redigiert oder bestimmt, welcher Artikel an welche Stelle kommt.

Das Thema, das alle Ägypter und die meisten ihrer Gäste umtreibt, sind die Präsidentschaftswahlen. Seit gestern ist klar, wer kandidiert. In spätestens einer Woche wissen wir auch, wer Kandidat bleiben darf. Noch vor einer Woche war ich hundertprozentig sicher, dass Ägypten einen konservativ-islamischen Präsidenten haben wird.

Einen, der sich früh sowohl auf die Seite der Leute auf dem Tahrir geschlagen hat wie auch offen das Militärregime kritisiert hat. Ein Anwalt und Scheich, eloquent und respektabel. Aber eben auch einen, der vor allem von Leuten unterstützt wird, die im Parlament Anträge auf die Sperrung von Porno-Seiten im Internet stellen oder auf die Abschaffung des Rechts von Frauen auf Scheidung und während des Parlamentswahlkampfs Statuen nackter Menschen verhüllten. Die aus dem Nichts gekommen zu scheinende politische Kraft der Salafisten, stark geprägt vom wahhabitischen Gedankengut aus Saudi-Arabien und von Mubarak geförderte Gegenspieler der gemäßigteren Muslimbrüder. Mir war nicht eben wohl bei dem Gedanken an einen Präsidenten mit dem Namen Hazem Salah  Abu Ismail.

Und dann, out of the blue, waren da diese Gerüchte, dass seine Mutter U.S.-amerikanische Staatsbürgerin ist. Dazu muss man wissen, dass der neue ägyptische Präsident weder mit einer Ausländerin verheiratet sein darf (ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es keine Präsidentin geben wird, obwohl es mindestens eine Kandidatin gibt), noch dass seine Eltern eine andere als die ägyptische Staatsbürgerschaft haben. Da waren noch andere schräge Regeln, aber die fallen mir gerade nicht ein.Ach ja, die Sache mit den Vorstrafen, sehr witzig in einem Land, in dem man für sein Engagement als Oppositionspolitiker verhaftet und verurteilt wurde (und wird), gerne auch von Militärgerichten.

Morgen sollen endgültig Dokumente veröffentlicht werden, aus denen hervorgeht, ob Hazem Abu Ismails Mutter als US-Amerikanerin gestorben ist oder nicht. Wenn es stimmt, ist er aus dem Rennen. Und mir bliebe ein seltsames Gefühl, eine Irritation darüber, dass der Kandidat mit den besten Aussichten auf Erfolg, auf diese Weise ausscheidet.

Es gibt auch über andere Kandidaten derartige Gerüchte. Bei mindestens einem haben sie sich bestätigt, andere konnte beweisen, dass sie nicht stimmen. Im Parlament wird an einem Änderungsantrag für das Wahlgesetz gearbeitet, das zwei weitere aussichtsreiche Kandidaten verhindern würde – den ehemaligen Geheimdienstchef Omar  Suleiman, der erst ganz kurz vor Bewerbungsschluss seinen Hut in den Ring warf, und Mubaraks letzter Premier Ahmed  Shafiq.

Ich beobachte weiter, auch wenn mein armes Hirn die Komplexität der Vorgänge kaum zu fassen vermag und manchmal schlicht in Streik tritt. Fahre demnächst ein paar Tage mit Freunden in die Wüste und hätte da auch noch was zum Thema Militär zu vermelden. Aber für heute ist es erst mal wieder genug.

edit: Am 11. April hat ein Verwaltungsgericht (ich nehme an, das höchste, aber Zeit, das zu recherchieren, hab ich jetzt grad nicht...) entschieden, dass es keine ausreichenden Beweise dafür gibt, dass des Salafisten Mutter als US-Amerikanerin gestorben ist. So schreibt es jedenfalls Egypt Independent. Wie schon oben angemerkt, passiert hier täglich was Neues und nichts scheint sicher. Aber würde ich auf den nächsten Präsidenten Ägyptens wetten, dann würde ich auf Abu Ismail setzen. Auch wenn mir das rein ideologisch nicht in den Kram passt.

Samstag, 10. März 2012

Ich bin zurück in Kairo und entschuldige mich bei allen, bei denen ich mich nicht gemeldet habe. Ich brauchte eine Pause, dringend! Das Leben ist anstrengend hier, die politischen Ereignisse zerren an meinen Nerven und so eine Feldforschung läuft auch nicht immer so geradlinig wie sie vor dem Abflug auf Papier geschrieben stand. Deshalb musste ich irgendwann beschließen, niemanden mehr zu treffen oder anzurufen, sondern nur noch die Füße hochzulegen.

Jetzt bin ich also zurück und bin wieder mitten drin. Fassungsloses Kopfschütteln und überraschende Freude, Wut und Zuneigung, nervenzerüttendes Getümmel und kleine Schätze, es mischt sich wieder täglich alles. Gestern dachte ich kurz darüber nach, das Haus nicht zu verlassen, obwohl ich verabredet war.

Meine Mitbewohnerin kam mit der Nachricht, dass es wieder Zusammenstöße gab, wieder direkt um die Ecke. Diesmal vor der amerikanischen Botschaft und beginnend mit Protesten gegen die Ausreiseerlaubnis für Mitarbeiter der hauptsächlich amerikanischen Nicht-Regierungsorganisationen, die nach Razzien wegen angeblich illegaler Finanzierung im Dezember zunächst an der Ausreise gehindert und dann vor Gericht gestellt worden waren. Seit deren Ausreise in der vergangenen Woche überschlagen sich Zeitungen, Politiker und Justizvertreter mit Spekulationen und Anschuldigungen. Gegen Abend stieß der ausdrücklich das Militär unterstützende und umstrittene TV-Moderator und Präsidentschaftskandidat Tawfik Okasha zu den Demonstranten. Und weil Freitag war und sich die Nachricht schnell auf den nahen Tahrir-Platz verbreitete, entwickelte sich ein hitziges Gefecht zwischen Pro- und Anti-SCAF-Demonstranten und mittendrin das Militär, das die Gruppen auseinanderhalten musste, um die US-Botschaft zu schützen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin dann doch ausgegangen. Aufmerksam, aber ohne Angst. Denn Proteste sind in der Regel sehr lokal begrenzt und ich musste in die entgegengesetzte Richtung. Und was soll ich sagen? Das Leben geht immer weiter, weiter, weiter. Hätte ich nichts davon gelesen, hätte ich nichts davon bemerkt.

In der Straße, die Schausplatz der heftigen Straßenschlachten im November war, sind derweil echte Kunstwerke zur Erinnerung an die Opfer entstanden. Die Wände gehören zum großen Teil der Amerikanischen Universität in Kairo, die bereits bekundet haben soll, die Bilder bewahren zu wollen. Hier ein Artikel von Egypt Independent zum Thema.

Erinnert mich an Picassos Guernica.



Im Dezember während Straßenschlachten getöteter Azhar-Scheich



Märtyrer



SCAF-Chef Tantawi und Ex-Präsident Mubarak
work in progress
Und hier noch ein Bericht zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage seit dem vergangenen Jahr und ihren Konsequenzen.

Montag, 13. Februar 2012

Noch am Donnerstag habe ich einen Anruf bekommen. Der Generalstreik ab Samstag wird groß, hol genug Geld von der Bank, kauf Nahrungsmittel, Wasser, Telefonguthaben. Die Anruferin hatte die Revolutionstage miterlebt, ist seit Jahren in Ägypten, kennt viele Leute. Mir kam die Warnung zwar übertrieben vor, aber ich ging trotzdem zur Bank und einkaufen. Am Abend fragte ich einen ägyptischen Freund, der politisch aktiv und involviert ist, wie er die Lage einschätze. Die Antwort hätte nicht konträrer ausfallen können. Nichts werde passieren, kein Streik, keine Demos, kein ziviler Ungehorsam.
Die deutsche Botschaft rührte sich nicht. Die kanadische Botschaft schickte eine Warnung, dass  Strom, Gas und Wasser gekappt werden könnten. Meine Facebook-Nachrichtenseite quoll über von Meldungen darüber, wer sich dem Streik angeschlossen habe. Der Verkäufer in der Drogerie erklärte mir am Freitag, dass er noch nicht entschieden habe, ob er öffne oder nicht. Für meinen Zigaretten- und Nussverkäufer war es dagegen gar keine Frage, dass sein Laden am nächsten Tag geöffnet ist. Eine Journalistin meinte: „Wenn du wirklich sehen willst, wie wir an Stresstagen arbeiten, dann komm am Samstag in die Redaktion.“
Das hab ich dann auch gemacht.
Die Straßen waren so leer wie an jedem Samstag, Busse und Metro fuhren wie gewohnt, die Straßenhändler standen an ihren üblichen Plätzen, die meisten Läden waren geöffnet. In der Redaktion warteten sie auf Nachrichten über den Streik, von Chaos und Stress keine Spur. Zwei Reporter kamen aus den Universitäten und konnten berichten, dass Demonstrationen stattgefunden hatten, die Teilnehmerzahlen waren aber gering. Naja, das Semester fängt ja grade erst an, Samstag gehört eigentlich noch zum Wochenende, der richtige Streik startet sicher morgen.
Weder Sonntag, noch Montag konnte ich was von zivilem Ungehorsam und Streik sehen oder hören  - wenn man davon absieht, dass die meisten Zeitungen über ein Scheitern der Initiative berichteten und die beiden englischen Nachrichtenportale Egypt Independent und Ahram online den vereinzelten Streiks an den Universitäten ihre Aufmerksamkeit widmeten.
Ein Taxifahrer erklärte mir, dass die Leute am Tahrir doch alle bezahlt und keine Revolutionäre seien und jetzt endlich mal Ruhe einkehren müsse. (Ein Gespräch in einer Redaktion drehte sich übrigens darum, dass alle Taxifahrer vom Geheimdienst dafür bezahlt würden, eine jeweils genehme Meinung kundzutun.) Ein junger Mann im Café versicherte mir, dass die Übergangsperiode gut laufe, dass wohl die Wirtschaft gelitten habe, es aber doch niemandem wirklich schlechter gehe, selbst die armen Leute würden schließlich täglich ihr Essen kaufen.
Im Interview für die Diss wurde ich von einem Journalisten aufgefordert, das Aufnahmegerät auszuschalten als ich nach Interna in einer staatlichen Zeitung fragte. Von einem anderen bekam ich zu hören, dass eine Reform der staatlichen Medien schlechterdings möglich sei, weil alle leitenden Positionen mit Bastarden [sic] besetzt seien, die ihre Privilegien mit allen Mitteln verteidigten. Die privaten Zeitungen bekamen auch ihr Fett weg und zwar vom Feinsten.
Danach wollte ich nur noch schlafen, habe mich dann aber doch noch aufgerafft und bin mit Freunden essen gegangen. Traf einen weiteren jungen Aktivisten und ließ mir seine Sicht der Dinge erzählen. Positiv müsse man sein, sonst verändere sich doch nichts. Und dass die traditionellen Medien so negativ über den Streik und den zivilen Ungehorsam berichteten, sei doch ein gutes Zeichen. Es zeige, dass das Regime Angst vor weiteren Protesten habe. Verlässlich seien im Augenblick nur die sozialen Netzwerke – eine Aussage, die ich schon häufiger gehört habe – im Laufe der Zeit habe er gelernt, welchen Quellen er dort vertrauen könne. Als ich eine seiner Nachrichten nachprüfen wollte, ließ sich allerdings nichts darüber finden – nur Berichte über ähnliche Ereignisse 2010 und 2011.
Und während ich so herumsurfte und -las, sprang mir ein weiteres Video aus dem Inneren des ägyptischen Staatsfernsehens auf den Schirm. Eine weiteres Mal sollen Journalisten vor dem Büro des Informationsministers protestiert haben, diesmal nicht von Nile News, sondern vom dritten Kanal. Heute und zwar im Zusammenhang mit den Aufrufen zum Generalstreik. Sie rufen unter anderem (grob und nur teilweise übersetzt, weil ich hier keinen Mist schreiben will und bei den anderen Sachen nicht sicher bin, ob ich sie wirklich richtig verstanden habe...) "Wir sind die Mehrheit", "Wir sind ein Land", und die Klassiker "Verschwinde. Verstehst du nicht, das heißt, du musst gehen" und  "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit" in einem anderen Ausschnitt, allerdings kein "Nieder mit dem Militärregime".



Das ergibt kein einheitliches Bild? Willkommen in meiner Welt ;)

Samstag, 4. Februar 2012

Wenn ich das Haus verlasse und zur Metro laufe, rieche ich Tränengas. Wenn ich den Fernseher anschalte, sehe ich Straßenschlachten. Wenn ich mich bei Facebook einlogge, werde ich mit wütenden Kommentaren überhäuft - unterbrochen von deutschen Freunden, die Fußball feiern oder Witzbilder teilen.

Ich sitze an einem kurzen Referat zum Stand der Transformation des Mediensystems und alles, was ich schreiben kann, ist "nicht ausreichend" und Zensur hier, Entlassung da, Einflussnahme dort und Bedrohung daneben.

Ich bin müde und wünsche mich zurück an den Punkt vor einem Jahr, als ich mit der Revolution mitgezittert habe und meine Hoffnungen groß waren. Als ich Kairo besuchte und jeder, der über die Revolution sprach, ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Als überall Fernseher liefen und die Leute gespannt hofften, dass ihr Beispiel auch in Libyen, Jemen und Syrien umgesetzt wird. Wie blauäugig mir das jetzt vorkommt.

Zurück zum Jetzt: Ich verstehe die Wut der jungen Leute, die derzeit vor dem Innenminsterium mit Steinen werfen. Verstehe, dass friedlicher Protest auf dem Tahrir nicht ausreicht, um ihre Trauer über die vielen Toten zu verarbeiten. Dass sie nicht länger gewillt sind, ihre Enttäuschung über den langsamen politischen Prozess herunterzuschlucken und zu warten, ob Parlament und Präsident beginnen, die Forderungen der Straße umzusetzen.

Dennoch: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und die Bilder, die derzeit über alle Bildschirme flimmern, werden die öffentliche Meinung weiter gegen die Revolution aufbringen. Egal, was die sozialen Netzwerke und Aktivisten sagen. Denn es werden eben nicht nur die Tränengasattacken und Schußwunden gezeigt, sondern auch die steinewerfenden Aktivisten. Und ich habe genug Taxifahrer befragt, um zu wissen, dass viele Leute hier sich ein Ende des Schlachtens wünschen. Bis jetzt sind erneut 12 Menschen gestorben und über 1.500 verletzt worden. - interessanter Bericht über Diskussionen in Kamfppausen

Ich habe mir gewünscht, dass Kampagnen wie die Video-Screenings von Kazeboon, mit denen die Gewalt der Militärs einer breiteren Masse von Bürgern bewusst gemacht werden sollten, und die friedlichen Proteste vor dem Fernsehgebäude gegen die voreingenommene Berichterstattung über Proteste und Militär mehr Zeit gehabt hätten, ihre Wirkung zu entfalten. Gehofft, dass mit dem Start des Parlaments ein weiterer Schritt in Richtung Demokratisierung gelungen wäre und die Aufmerksamkeit sich nun endlich auf die lange fälligen Reformen zahlreicher staatlicher Institutionen wie Polizei, Militär, Gerichtsbarkeit, Medien, Schulen und Universitäten richten würde

Stattdessen warte ich nun jeden Tag darauf, dass der Ausnahmezustand wieder verhängt wird, um ein noch härteres Durchgreifen gegen jeglichen Protest zu ermöglichen. Dass die Präsidentenwahlen doch wieder verzögert werden. Dass das Parlament seine Sitzungen absagen muss. Schlicht, dass die Revolution endgültig scheitert.

Traurig!

Ich hoffe, ich habe auch diesmal unrecht.

Kazaboon - Liars - Lügner - mit Offiziersmütze an dem wichtigesten Verwaltungsgebäude Kairos, der Mugamma.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Mein Wunsch nach einer friedlichen Fortsetzung der Proteste und Reformen ist also nicht in Erfüllung gegangen. Ganz Ägypten ist schockiert über den tödlichen Ausgang eines Fußballspiels in Port Said, die online-Plattformen sind voll mit Wut und Trauer über die über 70 Toten und vielen hundert Verletzten.
Ich hatte mich gestern mit meinem Arabisch-Tutor getroffen und saß mit ihm und seinen Grammatikübungen bis kurz vor Mitternacht im Cafe. Auf dem Rückweg im Taxi kam ich an großen Gruppen von Männern vorbei, ernst schauend und still, an Stellen, an denen normalerweise keine Demonstrationen stattfinden. Erst da erfuhr ich, was früher am Abend passiert war. Der Taxifahrer war wütend, traurig und schockierend in seinen Rückschlüssen: "Unter Mubarak war alles besser, wir hatten Sicherheit, wir hatten Arbeit. Jetzt haben wir nichts mehr. Wo ist das Militär? Sie müssen uns doch schützen. Mubarak war so viel besser."
Zu Hause ging ich sofort online und schaltete den Fernseher ein. Von einer gezielten Attacke gegen die Fußballfans ist dort die Rede. Von der Verantwortlichkeit der Sicherheitskräfte und des Militärs, die nicht nur nichts gegen die Gewalt unternommen hätten, sondern diese durch ihre unüblich geringe Präsenz im Stadion geradezu befördert hätte. Von Augenzeugenberichten über bezahlte Schläger, die sich unter die Fans gemischt hätten. Von Opfern, die mit den Worten "Das ist dafür, dass ihr den Militärrat beleidigt" zusammengeschlagen wurden.
Der überwiegende Tenor: Das war keine normale Auseinandersetzung zwischen Fußballfans, die tragisch eskaliert ist. Das war Absicht, um den Fußball-Ultras eine Lektion zu erteilen.
Klingt schrecklich nach Verschwörungstheorie, nicht wahr?
Tatsache ist aber, dass die Fußballfans seit Beginn der Revolution (Egypt Independent) in Agypten vor einem Jahr eine tragende Rolle in der Verteidigung der Demonstrationen und Proteste gegen Polizei- und Militärgewalt (Interview 11Freunde Anfang 2011) gespielt haben. So waren es zum Beispiel in November 2011 vor allem die Fußballfans, die dazu beitrugen, dass die Protestbewegung den Midan Tahrir zurückerobern konnte, nachdem die Polizei das kleine Sit-In nach der großen Freitagsdemo relativ einfach hatte räumen können. Und Tatsache ist auch, dass die Fans - wie überall auf der Welt vor allem junge Männer - zum Beispiel in den Stadien der berühmtesten Clubs Ahli und Zamalak (beide Kairo) während der Spiele schon lange nicht mehr nur Fußballgesänge zelebrieren, sondern auch politische Slogans wie "Nieder mit dem Militärregime" übernommen haben. Und die werden dann im Rahmen der Live-Übertragungen des staatlichen Fernsehens in ganz Ägypten verbreitet.
Es gibt also in der Tat genug Gründe für das Regime gegen die Fußball-Ultras vorzugehen.
Und weiterer ist der gerade erst in der vergangenen Woche aufgehobene Ausnahmezustand - was man hätte feiern können, wäre da nicht erneut ein Hintertürchen offengehalten worden. Er kann wieder eingeführt werden in Situationen, in denen Raub und Verbrechen überhand nehmen. Absurd, aber wie es der Zufall will, haben erst gestern drei bewaffnete Raubüberfälle - ebenfalls ein bisher eher unübliches Phänomen in Ägypten - große Schlagzeilen gemacht.
Artikel von Egypt Independent, Foreign Policy. Die politische Debatte hat gerade erst begonnen, mit Forderungen nach dem Rücktritt der Regierung sowie des Gouverneurs und der Untersuchung der Vorgänge sowie neuen Protestmärschen und Blockaden.

Von diesen schrecklichen Ereignissen abgesehen, scheint sich auch die restliche Lage nicht zu beruhigen. Bereits während der Freitagsdemo auf dem Tahrir gab es Auseinandersetzungen zwischen liberalen Kräften und den Muslimbrüdern. Die Brüder wollten die Errungenschaften der Revolution feiern, die Liberalen warfen ihnen den Verrat derselben vor. Diese Auseinandersetzungen gingen in den folgenden Tagen während Demonstrationen vor dem Parlamentsgebäude weiter, aber auch im Parlamentssaal weiter - dort allerdings nur verbal. Und auch auf die anhaltenden Proteste vor dem TV-Gebäude Maspiro gab es Angriffe.

Traurig und beunruhigend das alles zusammen.

Graffitti Downtown Kairo


Mittwoch, 25. Januar 2012

Heute, Midan al-Tahrir, Jahrestag der Revolution.
Die einen kamen, um zu feiern. Die anderen, um die ursprünglichen Ziele der Revolution einzufordern. Das Resultat waren mehrere Bühnen, auf denen sich die unterschiedlichen politischen Gruppierungen Ägyptens präsentierten. Man könnte es natürlich als Fortschritt bezeichnen, dass sich die politische Landschaft differenziert. Die Mehrheitsverhältnisse im Parlament lassen jedoch Befürchtungen unter den liberalen Kräften des Landes wachsen, dass die Muslimbrüder mit ihrer klaren Mehrheit im Parlament und ihren guten Beziehungen zum derzeit noch herrschenden Militärrat sich zu einer neuen NDP, Mubaraks Partei, entwickeln.

So lange ich auf dem Platz war, war die Stimmung friedlich und entspannt, obwohl der Platz vor Leuten überquoll und es zum Teil extrem eng war. Manchem Revolutionär und den Angehörigen der Toten der Revolution war die Stimmung viel zu glücklich. Sie waren zum Protestieren gekommen, gegen den Verlauf der Transitionsperiode, die Verschleppung der Wahlen, das Verhalten des Militärs. Aber der Tahrir hat heute keineswegs mit einer Stimme gesprochen. Protest und Jubel lagen wenige Meter von einander entfernt.

Zudem wurde meine Mitbewohnerin zweimal fies begrabscht und auf Twitter konnte man von weiteren derartigen Vorfällen lesen. So soll eine ausländische Journalistin von knapp hundert Männern verfolgt und derart massiv sexuell belästigt worden sein, dass sie in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Wie schon im letzten Post geschrieben: In Sachen Gleichberechtigung ist der Weg noch extrem lang. Frauen sind keine minderwertigen Sexobjekte, dieser Gedanke muss in allen ägyptischen Köpfen ankommen.


Am meisten beeindruckt hat mich eine erneute Demonstration vor dem Gebäude des staatlichen Fernseh- und Radiogebäudes Maspero/Maspiro - an der ich nicht teilgenommen habe! Während unseres Abendessens meinte eine ägyptische Bekannte zu mir "Wir müssen Maspiro niederbrennen" und ich schäme mich ein bisschen für meine Antwort, dass sie das nicht könnten. Was ich meinte, war das massive Sicherheitsaufgebot vor und in dem Gebäude, das jeden Versuch einer gewaltsamen Übernahme extrem blutig enden lassen würde. Zu sehr habe ich noch die Bilder von der Zerschlagung einer koptischen Demonstration Anfang Oktober 2011 mit 27 Toten im Kopf. Jetzt, nach Mitternacht, lese ich, dass mehrere hundert Leute dort protestiert haben und bisher alles friedlich geblieben ist.
Warum das wichtig ist? Weil staatliches Fernsehen in einem Land mit einer Analphabetenraten von rund 30 Prozent die wichtigste Informationsquelle ist und das Fernsehen noch immer vor allem ein Werkzeug des herrschenden Regimes ist. Das war nicht nur während der Revolutionstage 2011 zu sehen, als die Proteste zunächst totgeschwiegen wurden, sondern auch wieder im November und Dezember 2011 als die Proteste als Gewaltexzesse und Versuche, das Land zu zerstören, diskreditiert wurden. Der Widerstand innerhalb des Gebäudes wächst,  und Journalisten fordern mehr redaktionelle Freiheit und das Ende der Zensur durch Vertreter des Militärs. Mir scheint es jedoch mittlerweile so, dass sich ohne den weiteren Druck der Straßen und Plätze hier politisch nichts nach vorne bewegt.

Saubermachen nach dem Regen:



Die Brücke zur Freiheit. Die Märtyrer der Revolution.








 Ein Bauer und seine Familie in der Mitte des Platzes.


Pause.

Gebete ...
.

... und Fahnen.



Freitag, 20. Januar 2012

Nachdem ich ja im November/Dezember es tunlichst vermieden habe, an Freitagen auf den Tahrir zu gehen, habe ich es nun doch getan. Dafür gibt es vielfältige Gründe - der Hauptgrund ist wohl, dass es sich um eine reine Frauen-Demonstration handelte und ich davon ausgehen konnte, nicht sexuell belästigt zu werden. Zudem kenne ich mittlerweile ein paar Leute und musste nicht allein gehen. Und ich habe den Eindruck, dass ich mich mittlerweile natürlicher und freier durch die Stadt bewege, und fühle mich wohler.

Warum ein Frauenmarsch?
Die Frage durfte ich schon am Abend vorher mit einem ägyptischen Bekannten diskutieren, der mir erklärte, dass es in Ägypten doch eher die Männer seien, die für ihre Gleichberechtigung kämpfen müssten. Frauen dagegen hätten doch alle Rechte, die sie brauchen. Die Tatsache, dass sie sich nicht frei bewegen können, wollte der junge Mann, der gut ausgebildet ist, länger in Deutschland gelebt hat und aus einer reichen Familie kommt, von Anfang an aus der Diskussion ausschließen. Ausreden lassen, wollte er mich auch nicht. Sei's drum, ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen und habe mir deshalb nur erlaubt, das letzte Wort zu haben.

Waren und sind Frauen stark in der Protestbewegung vertreten, fehlen sie in der "offiziellen" politischen Landschaft fast völlig. Gerade mal 10 Frauen haben es in das knapp 500-köpfige Parlament geschafft. Auslöser für die seperaten Proteste sind aber vor allem Bilder einer jungen Frau, die von Soldaten im Dezember verprügelt und getreten, über die Straße geschleift und dabei fast komplett entblößt wurde. Die Fotos gingen um die Welt (Ihr könnte sie im Video des Posts vom 16. Januar nochmal sehen).

Was mich irritiert hat, war die Tatsache, dass es offenbar nötig war, die Demo durch eine von Männern gebildete menschliche Kette zu beschützen. "Schön", fand eine deutsche Bekannte die solidarische Geste. Ich fühlte mich dennoch eingesperrt und fand, dass der Schutzschild dem eigentlichen Sinn des Marschs widersprach. Seinen Sinn sah ich aber spätestens ein, als ich der Männer auf dem Fußwegen gewahr wurde, die wie immer starrten und zusätzlich fotografierten. Manche mögen aus Sympathie da gestanden haben, die Mehrheit aber wohl eher nicht.



Weiterhin irritierte mich, dass vor der eigentlichen Frauendemo eine zweite, fast nur aus Männern bestehende Demonstrantengruppe lief. Ich könnte jetzt argumentieren, dass hier Kräfte vereint wurden - aber dann hätten sich doch die Züge mischen sollen. Oder, dass hier die Frauen von den Männern unterstützt wurden, weil es im Gegensatz zum ersten Marsch tatsächlich nicht so viele Teilnehmerinnen gab. Aber hätten dann nicht die Frauen voran gehen müssen?





Eine andere Sache war dann noch die Tatsache, dass beim Frage-Antwort-Spiel des Slogan-Rufens in der Regel die Männer starteten und die Frauen antworteten. Ausnahmen wie hier auf dem Bild fanden sich dann eher am Ende des Zuges, wohin die Stimmen der männlichen Einpeitscher nicht mehr so gut drangen.



Ich will hier nix schlecht reden, habe schließlich eine wunderbare Mischung ägyptischer Frauen während des Marschs gesehen, von der jungen Mutter mit Kind auf dem Arm, über die Studentin mit iPhone und offenen Haaren bis hin zur beleibten, vollverschleierten Matrone. Das war toll, keine Frage.

Vermutlich ist meine Einschätzung wieder viel zu europäisch, an westlichen Maßstäben gemessen und nicht der Situation vor Ort angepasst. Die Gleichberechtigung der Geschlechter in Ägypten scheint mir dennoch seit den Tagen im Januar/Februar 2011 nicht nur nicht von der Stelle gekommen zu sein, sondern eher Rückschritte gemacht zu haben.

Ich habe fast den gesamten Marsch als Audio-Datei aufgenommen, sitze aber noch an den Übersetzungen. Is alles nicht so einfach ;) Wenn ich alles fertig hab, werde ich es wohl hier zur Verfügung stellen - wer weiß, wer damit was anfangen kann. Ich fand jedenfalls hochspannend, wie eigentlich die Forderungen der Straße lauten, die zwischen "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit" über "Los, Husni, sag Hussein, in der Gefängniszelle ist Platz für zwei" bis "Der Feldmarschall soll hängen" rangierten.

Und da ich in Experimentierlaune war, habe ich noch versucht ein Video zu machen. Blöderweise hatte ich vergessen, zuvor die Speicherkarte zu leeren. Deshalb nur ein 20 Sekunden-Eindruck:


Montag, 16. Januar 2012

Ägypten, was nun?
Ich war auf einer Pressekonferenz – eigentlich nur, um ein paar Journalisten kennenzulernen – und die Antwort aller Beteiligten auf die brennende Frage war recht einhellig: Niemand weiß es so recht.
Während das Militär den 25. Januar gerne als Feiertag zelebrieren würde, mobilisieren die revolutionären Bewegungen für Proteste und Trauermärsche. Es wird Demonstrationen geben, darin war sich das Podium einig. Schon über die Frage, ob es wieder große Menschenmengen werden, gingen die Meinungen allerdings auseinander. Ebenso über die Frage, ob die Proteste wieder in Gewalt umschlagen.
Nichts wird passieren, die Leute demonstrieren und gehen dann nach Hause, meinte Hisham Kassem, langjähriger Aktivist und Mitbegründer der privaten Tageszeitung Al-Masry al-Youm. Alles ist möglich, entgegnete Dina Samak, linke Aktivistin und Chefredakteurin der englischen Ausgabe von al-Ahram.
Hier eines der zahlreichen Videos, mit denen derzeit mobilisiert wird. Auch wenn viele Sachen Arabisch sind, sprechen die meisten Bilder und Karikaturen doch auch ohne Worte.



Ein weiteres Thema war natürlich der Rückzug von Mohamed el-Baradei aus dem Rennen um die Präsidentschaft. Baradei hatte am Samstag in einer Videobotschaft erklärt, nicht kandidieren zu wollen, weil das Militär den demokratischen Prozess nicht nur verschleppe, sondern behindere, und nannte als Beispiele die gewaltsamen Auflösungen von Protestveranstaltungen in den vergangenen Monaten und die undurchsichtigen Prozesse von Wahlen und Verfassungsgebung. Die Kandidatur für ein Amt, dessen Rolle und Macht bis heute unklar ist, sei daher nicht mit den Forderungen der Revolution vom 25. Januar 2011 zu vereinbaren. Baradei will zurück auf die Straße und die Jugendbewegungen unterstützen. Böse Zungen dagegen sagen, er habe sich zurückgezogen, weil er erkannt habe, dass er ohnehin nicht viele Chancen habe zu gewinnen.
Die lokale Presse hat Baradeis Rückzug unterschiedlich aufgenommen: Die dezidiert revolutionäre al-Tahrir widmet ihm die gesamte Titelseite, die gemäßigt-kritische al-Masry al-Youm zumindest die Häfte des Titels und die staatliche und sehr einflussreiche al-Ahram gerade mal ein kleines Kästchen in der Mitte des Titelblatts.



Das Podium betonte seinen Respekt für den ehemaligen Chef der internationalen Atomenergie-Behörde und vergiftete das Lob sogleich: Er habe zu lange im Ausland gelebt und wisse nicht, wie man mit ägyptischen Wählern umgehe. Und außerdem, sei er eben kein echter Politiker und habe die Auseinandersetzungen des politischen Geschäfts nicht aushalten können.
Viel umstrittener war und ist die Rolle des Militärs. Kassem und sein Kollege von al-Jazeera, (sorry, da fehlt der Vorname in meinen Aufzeichnungen...) Amr, versicherten, dass das Militär die Macht abgeben wolle, weil den Offiziere bewusst sei, dass ihnen die Eignung fehle, das Land politisch zu führen. Sie wollten lediglich in Sachen Krieg und Frieden und in der Außenpolitik künftig mitreden. Selbst der militärisch-ökonomische Komplex werde über kurz oder lang privatisiert werden, gab sich der Altaktivist Kassem zuversichtlich. Kurz, der Transitionsprozess sei auf einem guten Weg.
Die deutlich jüngere Fraktion des Podiums, Samak und Hatim Talimah sahen das weit kritischer. „Nichts ist bisher passiert,“ resümierte Talimah, „es hat weder eine Restrukturierung von Polizei oder Militär gegeben, noch echte Veränderungen im Mediensystem oder wirtschaftliche Verbesserungen.“ Der Kopf sei weg, das System aber noch intakt. Und eben das könne dem Militärrat durchaus auf die Füße fallen, argumentierten beide.
Denn während Kassam und Amr erklärten, dass das Militär derzeit unantastbar sei und kein gewählter Politiker sich gegen die Macht der Offiziere durchsetzen könne, setzten die beiden Linken auf einen anderen, schon 2011 unterschätzten Faktor. „Die Revolution kann stärker als das Militär sein, vor allem wenn sie von den Arbeitern unterstützt wird“, so Samak. Das hätten unter anderem die Ereignisse auf dem Midan Tahrir im November gezeigt, nach denen die Präsidentschaftswahlen von 2013 auf 2012 vorverlegt wurden, sekundierte Talimah.
Und damit war sich das Podium dann im Grunde wieder einig – die wirtschaftlichen Probleme und die massive Armut sind das Hauptproblem des Landes. Nicht der inszenierte Konflikt zwischen Christen und Muslimen, nicht die Wahlen von Parlament, Schura-Rat (eine Art Oberhaus) und Präsident. Sondern die Frage nach Brot und Miete.
Mein Fazit? Ich bin nicht wirklich sehr viel schlauer als zuvor, aber beruhigt davon, dass selbst langjährige Aktivisten die Lage in Ägypten ein Jahr nach dem Rücktritt Mubaraks unübersichtlich finden. Wie Kassem es formulierte: „ Es ist frustrierend, denn es gibt einfach zu viele Variablen für eine vernünftige Analyse. Alles kann sich täglich ändern.“
Das unterschreibe ich so und freue mich auf meine Interviews mit Kassem und Samak.

Freitag, 13. Januar 2012

Gestern im Cairo Jazz Club, erste Reihe bei Wust el Balad (bedeutet: Stadtmitte) - und dann dieser Song,



eingeleitet und abgeschlossen von Publikumsrufen "Hau ab, hau ab, Militärregierung!" und alle um mich herum singen mit - das gab ne fette Gänsehaut!

Von der historischen Dimension mal abgesehen konnte ich mich nicht entscheiden, was ich großartiger fand, die atemberaubenden Percussionisten, den wahnwitzigen Gitarristen, die emotional mitreißenden Sänger, die elektronische Oud oder die Chemie, die zwischen den Bandmitgliedern zu spüren war. Oder waren es doch die ägyptischen Mädels, die mich erst vor sich ließen, mich dann in den Arm nahmen und hüftschwingend integrierten und mir dann versicherten, dass ich ungemein funky sei?

Es war wohl mal wieder alles zusammen... Guter Abend!

Mittwoch, 11. Januar 2012

Ich wusste es ja. Ich könnte hier tausende Katzen adoptieren.

Aber was, wenn ich dann zurückgehe?
Bleiben sie zurück, an mich gewöhnt und unfähig, sich selbst zu versorgen?
Oder nehme ich sie mit und mache ihnen und mir das Leben zur Hölle, weil ich ihren Ausgang begrenzen muss?
Kriege ich sie überhaupt so zahm, dass ich sie in einen Katzenkorb verfrachten kann und sie nicht nur den Gang zum Arzt, sondern auch die Reise nach Deutschland überstehen ohne völlig durchzudrehen?
Zu viele Fragen.

Deshalb füttern wir einfach unsere Hintertürkatzen hin und wieder und freuen uns, dass sie schon nach Tagen ein wenig zutraulicher geworden sind, auch wenn Kuschelsessions völlig ausgeschlossen sind. Was uns andererseits nicht so unrecht ist angesichts ihrer Schmutzfelle, der Schnupfnasen und der offensichtlichen Anwesenheit von Flöhen und Milben.

Wären sie nur ein bisschen weniger wild und misstrauisch, würden wir wohl nach einem vertrauenswürdigen Tierarzt suchen. Aber für eine medikamentöse Behandlung kommen wir einfach nicht nah genug an sie heran, an Sterilisierung ist schon gleich gar nicht zu denken. Also muss die Raubtierfütterung ausreichen.


Unterm Kühlschrank isses schön warm. Allerdings auch nur, wenn man noch nicht ausgewachsen ist...

Montag, 9. Januar 2012

Tagestrip zu einigen Pyramiden, der unvermeidliche Souvenirverkäufer nimmt Kurs auf uns.


Im Hintergrund ein wiederaufgebauter Teil der Tempelanlage von Sakkara und die Stufenpyramide des Djoser, eine der ersten Pyramiden überhaupt. Sämtliche Statuen und Mumien sind entweder vollständig verschwunden oder Teil von Museumssammlungen. Sich die Anlage vorzustellen, erfordert angesichts der verstreuten Steinhaufen jede Menge Fantasie. Hinzu kommt, dass ein großer Teil des Tempels ursprünglich aus Holz gebaut war und erst nach und nach Steine als Baumaterial eingesetzt wurden.


Die Pyramide des Unas ein paar hundert Meter weiter sieht kaum noch nach Pyramide aus. Im Hintergrund die berühmten Pyramiden von Giza.


Gebückt über die Holzplanke ins Innere und staunen, wie geräumig so ein Grab war.


Farbige Fresken im benachbarten Grab eines Ministers. Die Bilder zeigen Opfergaben für den Verstorben, die für seine lange Reise ins Jenseits gedacht sind. Die abgebildeten Menschen sind alle auf eine steinerne Tür ausgerichtet, hinter der sich allerdings nicht der Sarkophagh des Mannes verbarg, sondern die Grabräuber in die Irre führen sollte. Der eigentliche Sarg befand sich unter dem Boden einer Nachbarkammer in gut 25 Metern Tiefe.

Schatten auf der Sphinx :)


die sehr angefressen aussieht - kein Wunder, schließlich ist sie mittlerweile nicht mehr von Sand umgeben wie noch 1858, sondern von einer luftverpestenden Großstadt, die immer weiter wächst.


Größenvergleich mit Reisebus


Sonnenuntergang mit Blick auf die Pyramiden.

Sonntag, 8. Januar 2012

Für Nichtraucher ist es wohl die Hölle auf Erden, als Raucher wundert man sich manchmal.

Raucherecke im Flughafen von Aswan. Wir haben damit nix zu tun. Das war schon so!


Statt knapp 14 Stunden Zugfahrt haben wir uns anderthalb Stunden Flug gegönnt. Weise Entscheidung, wie ich später las - denn just an diesem Tag begannen Streiks der Eisenbahner auf der Strecke zwischen Kairo und Oberägypten. Da wären dann aus den 14 Stunden vielleicht gar 24 geworden. Und der Trip nach Aswan war schon nah am Horror - im seltsamen Gegensatz zu meinen Zugfahrten 2008.

Und ein hübsches Hütchen für den Rauchmelder. Ich wette diverse Euro darauf, dass der Raucherraum beim Bau des Flughafens nicht vorgesehen war. Aber auch in Ägpyten nehmen der Nichtraucherschutz und die Raucherdiskriminierung an Fahrt auf.

Samstag, 7. Januar 2012

es folgen noch diverse Bilder von der Idylle in Aswan, aber das Hochladen dauert Ewigkeiten, deshalb kommen die nur nach und nach.

Geduld bitte!

Donnerstag, 5. Januar 2012

Ausflug auf die Elefanten Insel und Rundgang durch eines der nubischen Dörfer dort. Der Liebste lag leider krank im Bett.
Und während ich auf dem Hinweg das Doppelte des Fahrtpreises zahlen sollte, weil ich ja Ausländerin bin, war das auf dem Rückweg gar kein Thema mehr. Grund für die schnelle Integration war, dass ich einer schwerbeladenen Frau half und ihr Baby die Treppe hochtrug. Das Kind kannte mich zwar nicht, was es aber offensichtlich gewohnt, von fremden Leuten durch die Gegend gehievt zu werden und gab nicht den kleinsten Protestlaut von sich.

Blick auf Assuan:


Das besondere an nubischer Architektur ist die Farbigkeit der Häuser. An einer Stelle meines Spaziergangs fragte ich die herumsitzenden Frauen, die die Kinderschar der umliegenden Häuser hüteten, ob ich ein Foto machen dürfe und wurde aufgefordert dafür zu zahlen. Ich argumentierte, dass ich als Studentin doch auch kein Geld habe, was mir nicht wirklich geglaubt wurde. Deutsche sind doch schließlich alle reich. Es ging ein bisschen hin und her und schließlich wurde ich auf einen Tee eingeladen - ohne zahlen zu müssen.



Und in fast jeder Gasse, in die ich einbog, kamen mir entweder Kinder oder Schafe oder Ziegen entgegen.

Blick auf Baba Dool, auf dessen Terasse ich mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem Nil einen Minztee trank. Der Eigner hat das Haus wunderschön bemalt



und innen mit nubischem Dekor vollgehängt. Die bunten runden Teile werden entweder als Unterlage für das Essen benutzt oder um Schalen und Töpfe mit Essen abzudecken. Drei von ihnen schmücken jetzt mein Zimmer in Kairo und bringen ein bisschen Farbe in den Raum.
Sehr ruhiger, schöner Platz für eine kleine Pause. Man könnte bei Baba Dool auch essen und wohl auch nächtigen, aber auf der anderen Seite des Nils wartete ja jemand auf mich.
Der Mini-Alligator im Glaskasten tat mir allerdings eher leid, deshalb gibt es von ihm kein Foto.


Ein noch ein Blick auf die Terassen der Bungalows des benachbarten Hilton Hotels, das mit seiner kastigen Bauweise so gar nicht auf die Insel passen will.


Hinsichtlich der Ruhe und des unverstellten Blicks auf das Westufer kam dann aber doch ein bisschen Neid bei mir auf.